
HIBUSHIBIRE – Phantom Fuzzy Exotica (2026, Riot Season Records) (Review)

Es gibt Psychedelic Rock, der einen langsam in einen anderen Bewusstseinszustand schiebt. Und es gibt Hibushibire. Bei den Japanern bekommt man offenbar nicht die Gelegenheit, sich gemütlich zurückzulehnen und auf die Wirkung zu warten. Phantom Fuzzy Logic kommt sofort auf Touren und denkt gar nicht daran, irgendwann wieder abzubremsen.
Das fünfte Album des Quartetts aus Osaka ist ein ziemlich wilder Ritt durch Hard Rock, Garage, Psychedelic und alles, was irgendwo dazwischen noch Platz findet. Dabei klingt die Band keineswegs so, als würde sie verzweifelt versuchen, möglichst viele Einflüsse unter einen Hut zu bekommen. Vielmehr herrscht hier eine erfreulich anarchische Logik: Wenn ein Riff funktioniert, wird es gespielt. Wenn daraus ein komplett anderer Song entstehen könnte, wird eben weitergemacht.
Schon Mandrake Oracle macht die Richtung klar. Die Gitarren sind kräftig verzerrt, das Schlagzeug treibt unaufhörlich und darüber entwickelt sich ein psychedelisches Chaos, das trotzdem erstaunlich präzise zusammenhält. Hibushibire spielen schnell, laut und mit einer gewissen Lust am Kontrollverlust – aber eben nicht planlos.
Das ist der entscheidende Punkt bei Phantom Fuzzy Logic.
Die Musik darf ausufern, ohne auseinanderzufallen.
Minagoroshi Western bringt einen anderen Dreh in die Angelegenheit. Der Song hat etwas Treibendes und beinahe tänzelndes, während die Gitarren immer wieder neue kleine Haken schlagen. Statt einfach nur das Tempo hochzuhalten, verändert die Band ständig die Oberfläche ihrer Musik. Mal klingt es nach klassischem Hard Rock, dann wieder nach Garage, bevor sich plötzlich eine völlig andere psychedelische Farbe einschleicht.
Daydream Rendezvous nimmt anschließend etwas Geschwindigkeit heraus, ohne die Spannung zu verlieren. Hier zeigt sich, dass Hibushibire nicht ausschließlich von ihrer Energie leben. Die Band kann auch Atmosphäre aufbauen und einen Song schweben lassen, bevor wieder irgendwo eine Gitarre dazwischenfunkt.
Und genau diese Gegensätze machen das Album interessant.
Phantom Fuzzy Logic ist nämlich nicht einfach eine Ansammlung von möglichst verrückten Psychedelic-Rock-Momenten. Hinter dem ganzen Lärm steckt ein ziemlich gutes Gespür dafür, wann ein Stück einen neuen Impuls braucht. Die Songs wechseln ihre Richtung, aber selten völlig grundlos. Manchmal reicht ein Rhythmuswechsel, manchmal eine andere Gitarrenlinie, manchmal nur ein paar Sekunden, in denen plötzlich alles etwas luftiger wird.
Besonders angenehm ist dabei, dass Hibushibire ihren Garage-Anteil nicht vergessen haben. Dadurch bleibt die Musik trotz aller psychedelischen Ausflüge körperlich. Man kann sich in den Details verlieren, aber gleichzeitig funktionieren die Stücke auch dann, wenn man gar keine Lust hat, sich mit ihnen intellektuell auseinanderzusetzen.
Das Album will nicht analysiert werden.
Es will gespielt werden.
Und zwar laut.
Die längeren Passagen bekommen dadurch ebenfalls einen Sinn. Hibushibire lassen ihren Songs Raum, ohne daraus automatisch Prog Rock zu machen. Sie jammen nicht einfach endlos vor sich hin, sondern nutzen die Länge, um ihre Ideen weiterzuentwickeln. Das funktioniert besonders gut, wenn die Band zwischen treibenden und beinahe schwebenden Abschnitten wechselt.
Der ungewöhnlichste Moment kommt zum Schluss: Ai Vist Lo Lop, eine Interpretation des Stücks der okzitanischen Gruppe Mont-Jòia. Mit über dreizehn Minuten ist das gleichzeitig der längste Track des Albums und ein ziemlich passender Abschluss. Statt eines kurzen, knackigen Rausschmeißers bekommt man noch einmal ein ausgedehntes Stück, das sich Zeit nimmt und die psychedelische Seite von Hibushibire in eine deutlich folkloristischere Richtung führt.
Und plötzlich merkt man, wie konsequent diese Band eigentlich arbeitet.
Denn so chaotisch Phantom Fuzzy Logic auf den ersten Blick wirken mag, die einzelnen Bausteine passen erstaunlich gut zusammen. Hard Rock, Garage, Psychedelic, Folk und japanische Underground-Tradition stehen hier nicht fein säuberlich nebeneinander. Sie werden miteinander vermischt, bis man irgendwann nicht mehr genau weiß, wo das eine aufhört und das andere beginnt.
Das kann anstrengend sein.
Soll es wahrscheinlich auch.
Aber gerade darin liegt der Charme dieser Platte. Hibushibire machen keine Musik für den gepflegten Hintergrundbetrieb. Phantom Fuzzy Logic verlangt Aufmerksamkeit – oder zumindest eine ordentliche Lautstärke. Wer sich darauf einlässt, bekommt ein Album, das seine Energie nicht aus glattpolierten Songs bezieht, sondern aus Bewegung, Überraschung und einer ziemlich gesunden Portion Wahnsinn.
Hibushibire haben mit Phantom Fuzzy Logic ein Album aufgenommen, das lieber aus der Kurve fliegt, als eine gerade Linie zu ziehen. Psychedelic Rock mit Garage-Dreck, Hard-Rock-Power und genug Eigenleben, um nicht wie die nächste Retro-Veröffentlichung zu wirken. Unruhig, verspielt und verdammt lebendig.
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