
Gjenferd – Black Smoke Rising (2026, Apollon Records) (Review)

Es ist schon erstaunlich, wie viele Bands heutzutage wieder irgendwo in den Siebzigern herumwühlen. Hammond-Orgel, angezerrte Gitarre, bluesige Riffs, mehrstimmiger Gesang – fertig ist der Retro-Rock. Zumindest theoretisch. Denn bei Gjenferd funktioniert das Ganze nicht deshalb, weil sie besonders gut darin wären, alte Platten nachzuspielen. Ihr eigentliches Kapital ist das Zusammenspiel von Orgel und Gitarre und vor allem ein ziemlich gutes Gespür dafür, wann ein Song mehr braucht als nur das nächste fette Riff.
Black Smoke Rising ist das zweite Album der Norweger und geht stilistisch ziemlich klar in dieselbe Richtung wie das Debüt. Classic Hard Rock bildet das Fundament, dazu kommen Proto-Doom, Psychedelic Rock und ein bisschen Stoner-Gewicht. Das ist alles andere als neu. Aber Gjenferd versuchen auch gar nicht, daraus irgendeine neue Genre-Schublade zu basteln.
Und das ist vermutlich ganz gut so.
Schon „Crimson Rain“ macht klar, worum es geht. Die Gitarre bekommt ordentlich Raum, während die Orgel nicht irgendwo dekorativ im Hintergrund herumsteht, sondern gleichberechtigt mitmischt. Dazu kommen die harmonisierten Vocals, die dem Stück eine melodische Seite geben, ohne dass es plötzlich nach glattgebügeltem Retro-Rock klingt. Das ist ein Song, der ziemlich direkt funktioniert.
„Bound To Fall“ zeigt dann die psychedelischere Seite. Bass und Gitarre lassen zunächst etwas mehr Luft, bevor die Orgel und das Riff den Song nach vorne schieben. Hier merkt man auch, dass Gjenferd ihre Songs nicht einfach auf einem einzigen Groove abstellen. Es gibt kleine Verschiebungen und Details, die verhindern, dass das Ganze nach 40 Minuten wie ein einziger langer Jam klingt.
Der Titeltrack „Black Smoke“ wird schwerer und dunkler. Kein Doom-Monster, das zehn Minuten lang auf einem Riff herumtritt, sondern eher diese alte Art von Heavy Rock, bei der ein langsameres Tempo schon reicht, um ordentlich Gewicht zu erzeugen. Die Gitarren haben Biss, die Orgel macht den Sound dichter und die Melodie bleibt trotzdem hängen.
Überhaupt ist das vielleicht die stärkste Eigenschaft dieses Albums: Gjenferd können Songs schreiben.
Das klingt banal, ist es aber nicht. Gerade im Retro-Rock verliert man sich schnell in Sounds, Soli und dem Versuch, möglichst authentisch nach 1972 zu klingen. Gjenferd interessieren sich dagegen ziemlich offensichtlich für Hooks. Die Vocals sind deshalb wichtiger, als man zunächst vermuten würde. Mehrstimmige Passagen tauchen immer wieder auf und geben den Songs etwas Eigenes, während die Instrumente genug Platz behalten.
„Calling Your Name“ gehört dabei zu den interessanteren Stücken. Der Song nimmt Tempo und Lautstärke raus, arbeitet stärker mit Atmosphäre und lässt die Spannung erst einmal stehen. Wenn die Nummer wieder größer wird, wirkt das entsprechend stärker. Genau solche Momente braucht ein Album wie dieses, denn zehn Songs voller durchgehender Retro-Rock-Energie wären irgendwann einfach zu viel.
Auch die beiden kurzen Stücke „Attergangar“ und „Stillferd“ erfüllen deshalb einen Zweck. Sie sind keine großen Songs und wollen das offenbar auch gar nicht sein. Stattdessen öffnen sie kurz ein anderes Fenster, bevor es wieder zurück in den schweren Rock geht. Besonders „Stillferd“ mit seiner akustischeren Stimmung funktioniert als kleine Unterbrechung ziemlich gut.
Danach kommt „The Thrill“, und hier wird es wieder deutlich schwerer. Langsam, dunkel, riffbetont – eine der Nummern, bei denen Gjenferd am stärksten in Richtung Doom schielen, ohne den klassischen Hard-Rock-Charakter aufzugeben. „The Silence“ arbeitet ebenfalls mit diesem Wechsel zwischen Zurückhaltung und größerem Ausbruch. Der Titel ist dabei natürlich ziemlich ironisch gewählt.
Was mir an der zweiten Hälfte gefällt, ist, dass die Band nicht versucht, unbedingt noch fünf neue Ideen unterzubringen. Stattdessen werden die bereits etablierten Elemente etwas weitergezogen. „Ride On“ darf sich mehr Zeit nehmen und öffnet den Sound in Richtung Psychedelic Rock, während „Spread Like Wildfire“ als längster Track des Albums schließlich noch einmal alles zusammenführt.
Und genau hier liegt auch die kleine Schwäche von Black Smoke Rising.
Gjenferd wissen ziemlich genau, was sie mögen – vielleicht sogar ein bisschen zu genau. Wer mit diesem Sound ohnehin wenig anfangen kann, wird hier kaum plötzlich bekehrt. Die Referenzen sind deutlich hörbar und manche Riffs oder Arrangements bewegen sich gefährlich nah an dem Punkt, an dem aus eigener Handschrift einfach sehr guter Retro-Rock werden könnte. Das Album ist also kein großer stilistischer Befreiungsschlag.
Aber muss es das sein?
Eigentlich nicht. Denn die Qualität liegt hier weniger in der Neuerfindung als in der Ausführung. Gitarre und Orgel funktionieren hervorragend zusammen, die Rhythmusgruppe hält das Ganze angenehm bodenständig und die Songs haben genug Melodie, um nicht in einer Endlosschleife aus Vintage-Sounds zu versinken. Dazu kommt eine Produktion, die den vier Musikern Raum lässt und nicht versucht, jeden kleinen Makel glattzubügeln.
Vor allem aber wirkt Black Smoke Rising nicht wie ein Soundexperiment, das zufällig aus einer Sammlung alter Platten entstanden ist. Es klingt nach einer Band, die diese Musik wirklich liebt und inzwischen ziemlich genau weiß, was sie damit machen will.
Gjenferd erfinden den Classic Hard Rock nicht neu. Das wäre auch eine ziemlich sinnlose Erwartung. Sie nehmen die bekannten Zutaten, schreiben daraus verdammt ordentliche Songs und setzen Orgel und Gitarre so geschickt gegeneinander, dass man ihnen gerne zuhört. Nicht jeder Moment ist spektakulär, und ein bisschen mehr Risiko hätte dem Album sicher nicht geschadet. Dafür gibt es aber auch erstaunlich wenig Leerlauf.
Kein revolutionäres Album. Aber ein verdammt gut gemachtes.
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