
NEPHILA – HULDRA (2026, Majestic Mountain Records) (Review)

Nephila machen es einem nicht unbedingt leicht, ihre Musik auf ein paar Schlagworte zu reduzieren. Classic Rock? Sicher. Prog? Stellenweise. Folk? Ebenfalls. Dazu zwei Sängerinnen, Hammond-Orgel, jede Menge Gitarren und eine deutliche Vorliebe für die großen Gesten der Siebziger. Und trotzdem klingt Huldra nicht wie eine Band, die einfach möglichst viele Zutaten in einen Topf geworfen hat.
Im Gegenteil: Das zweite Album der Schweden wirkt erstaunlich geschlossen.
Schon Mother of the Woods macht klar, dass hier Atmosphäre eine ebenso wichtige Rolle spielt wie das Riff. Die Orgel baut zunächst Spannung auf, bevor die Gitarren einsetzen und aus dem eher ruhigen Beginn ein ausgewachsener Heavy-Rock-Song wird. Josephine Asker und Linn Edlund teilen sich den Gesang nicht einfach nach dem Motto „zwei Stimmen sind besser als eine“, sondern ergänzen sich tatsächlich. Mal liegen die Stimmen eng beieinander, mal entsteht daraus ein fast hymnischer Effekt.
Und Hymnen können Nephila.
In Her Hands ist dafür ein gutes Beispiel. Der Song hat genügend Druck, um im klassischen Heavy-Rock-Fach zu funktionieren, bleibt aber melodisch und offen genug, um nicht in einer reinen Retro-Schiene zu landen. The Hidden Folk setzt anschließend stärker auf den eingängigen Teil der Band und bleibt trotzdem angenehm eigenwillig.
Überhaupt fällt auf, wie wenig Interesse Nephila an unnötiger Härte haben. Huldra muss nicht permanent schwerer werden, um Wirkung zu erzielen. Stattdessen arbeitet die Band mit Dynamik, Melodien und diesen kleinen Veränderungen im Arrangement, die einen Song auch nach mehreren Durchläufen interessant halten.
Das titelgebende Huldra führt dann stärker in die dunklere Seite des Albums. Der Song wirkt zunächst kompakter und erdiger, bevor sich das Arrangement weiter öffnet. Hier passt auch das folkloristische Konzept besser zur Musik als bei manchen anderen Retro-Rock-Veröffentlichungen, bei denen nordische Mythologie hauptsächlich auf dem Cover stattfindet.
Bei Nephila steckt sie tatsächlich in der Atmosphäre.
Das heißt allerdings nicht, dass Huldra eine reine Folklore-Veranstaltung wäre. Die Band bleibt fest im Heavy Rock verwurzelt und hat offensichtlich ebenso viel Freude an klassischen Gitarrenriffs wie an Orgeln, großen Gesangslinien und ausladenden Songstrukturen.
Solar Eclipse ist dafür vermutlich das stärkste Beispiel. Der Song nimmt sich Zeit, ohne dabei auseinanderzufallen. Aus den ruhigeren Passagen entwickelt sich langsam mehr Druck, bis die Band schließlich bei einem dieser großen Momente landet, die auf einer Bühne vermutlich noch besser funktionieren dürften als über Kopfhörer.
Und dann wäre da noch The Living Grave, das etwas stärker mit dem Siebziger-Jahre-Erbe spielt. Die Orgel bekommt hier deutlich mehr Raum, während die Gitarren nicht einfach nur die Riffarbeit erledigen. Das Stück hat diesen angenehm lockeren Charakter, den viele aktuelle Retro-Bands vergeblich suchen: Es klingt nicht nach einer möglichst perfekten Kopie einer alten Platte.
Es klingt nach Musikern, die diese Platten tatsächlich gehört haben.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Denn Huldra ist eindeutig nostalgisch, aber nicht rückwärtsgewandt. Nephila übernehmen die Sprache des klassischen Heavy Rock, setzen sie aber in einen eigenen Zusammenhang. Besonders die beiden Sängerinnen geben der Band dabei eine Identität, die über das übliche „Vintage Sound“-Etikett hinausgeht.
Auch die Produktion spielt ihnen in die Karten. Die Instrumente wirken nicht steril voneinander getrennt, sondern als Teil einer gemeinsamen Band. Orgel, Gitarren, Bass und Schlagzeug dürfen miteinander arbeiten, anstatt jeweils um den nächsten großen Moment zu kämpfen.
Der Abschluss F.I.N.N. zeigt noch einmal ziemlich gut, was Nephila auf diesem Album können. Ein leichterer Groove, ein paar bewusst gesetzte Stopps und darüber diese großen Gesangsmelodien. Kein Versuch, das Album mit einem möglichst absurden Gitarrensolo zu beenden. Stattdessen bleibt der Song bei dem, was Huldra über weite Strecken auszeichnet: Melodie zuerst, Atmosphäre gleich dahinter und erst dann die große Geste.
Das passt.
Denn Nephila brauchen keine instrumentalen Feuerwerke, um Eindruck zu hinterlassen. Die eigentliche Stärke der Band liegt darin, dass sie viele unterschiedliche Elemente zusammenbringen kann, ohne dass daraus ein musikalischer Flickenteppich entsteht.
Huldra ist deshalb vor allem ein Album mit Charakter. Es hat seine Wurzeln tief im klassischen Rock der Siebziger, schaut aber gleichzeitig deutlich über diese Epoche hinaus. Mal riffbetont, mal verspielt, mal fast verträumt und immer wieder überraschend groß.
Wer bei „Classic Heavy Rock“ automatisch an eine weitere Band mit Röhrenamps, Lederjacken und dreißig Jahre alten Riffs denkt, sollte Nephila eine Chance geben. Huldra ist dafür zu vielseitig und vor allem zu gut arrangiert.
Ein starkes zweites Album einer Band, die ihren eigenen Platz zwischen Classic Rock, Heavy Metal, Prog und Folk inzwischen ziemlich genau gefunden hat. Nephila klingen auf Huldra nicht wie eine Zeitreise in die Siebziger – eher wie eine Band, die sich dort ein paar gute Ideen abgeholt und sie mit nach Hause genommen hat.
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