Der ultimative Fuzz aus der Unterwelt

ENDLESS FLOODS – Passages (2026, Permafrost Records / Araki Records / Yoyodyne Records) (Review)

Endless Floods haben sich nie besonders dafür interessiert, ihre Musik bequem zu machen. Seit dem Debüt von 2015 hat sich der Sound des Bordeaux-Trios allerdings deutlich verändert. Aus den frühen Drone- und Doom-Massen ist über die Jahre etwas vielschichtigeres geworden. Passages, das mittlerweile sechste Album der Franzosen, setzt diesen Weg fort, allerdings nicht mit noch mehr Lärm. Im Gegenteil: Die ruhigeren Momente sind inzwischen mindestens genauso wichtig wie die schweren.

Vier Stücke, knapp 38 Minuten. Das klingt zunächst nach einer weiteren Platte aus der Kategorie „Post-Metal-Band braucht Zeit für ihre Riffs“. Ganz so einfach ist es aber nicht. Endless Floods arbeiten auf Passages weniger mit ständiger Steigerung als mit Gegensätzen. Akustische Gitarren treffen auf dichte Fuzz-Wände, intime Gesangspassagen auf harsche Ausbrüche, Synthesizer auf Bass und Gitarre. Und wenn plötzlich ein Saxophon auftaucht, wirkt das erstaunlicherweise nicht wie der obligatorische Versuch, einem ohnehin schon vielseitigen Album noch irgendeine Besonderheit aufzudrücken.

„Visions“ macht gleich klar, worauf sich die nächsten knapp zehn Minuten einlassen müssen. Schwere Gitarren bauen Druck auf, dann wird dieser Druck wieder herausgenommen. Die Band lässt Platz, bevor sie ihn erneut füllt. Louise Dehayes Stimme funktioniert dabei besonders gut in den ruhigeren Passagen: nicht übertrieben dramatisch, sondern nah und verletzlich. Wenn später wieder mehr Gewicht ins Spiel kommt, verändert sich dadurch auch die Wirkung der Gitarren. Der Lärm ist nicht einfach nur Lärm.

„Deuxième Monde“ führt diesen Ansatz weiter, wirkt dabei aber etwas geschlossener. Hier zeigt sich, dass Endless Floods inzwischen ein ziemlich gutes Gefühl dafür entwickelt haben, wann ein Stück weiterlaufen und wann es besser kurz Luft holen sollte. Die Kompositionen sind komplex, ohne ständig mit ihrer Komplexität herumzuwedeln. Ein paar progressive Wendungen sind vorhanden, aber die Band macht daraus keine technische Leistungsschau.

Am stärksten wird Passages allerdings dort, wo es wirklich dunkel wird. „Liminal“ nimmt sich über zehn Minuten Zeit und arbeitet zunächst beinahe gegen die Erwartungen eines Post-Heavy-Albums. Weniger unmittelbarer Druck, mehr Atmosphäre, Synthesizer und ein beinahe noirartiger Unterton. Dehayes Gesang bekommt Raum, bevor das Stück langsam wieder schwerer wird. Gerade hier zeigt sich, dass Endless Floods nicht mehr auf die alte Formel „ruhig anfangen, am Ende alles niederwalzen“ angewiesen sind. Die Entwicklung innerhalb der Stücke ist wichtiger als der große Finaleffekt.

„Primordial“ bildet schließlich den passenden Abschluss. Wieder gibt es diese Spannung zwischen intimeren Passagen und massiver Verzerrung, diesmal mit französischem Gesang und einer besonders deutlichen Verschiebung vom beinahe schwebenden Anfang hin zum schweren Ende. Es ist nicht unbedingt ein spektakulärer Schluss, aber ein konsequenter. Nach knapp vierzig Minuten versteht man ziemlich gut, warum die Band den Titel Passages gewählt hat.

Dabei hilft auch, dass Endless Floods ihre verschiedenen Einflüsse nicht einzeln vor sich hertragen. Post-Rock ist vorhanden, Doom ebenfalls, dazu Elemente aus Dark Folk, Shoegaze und Progressive Rock. Manchmal erinnert die melodische Seite tatsächlich an andere Bands aus dem modernen Heavy-Psych- und Progressive-Underground, aber Endless Floods haben mittlerweile genug eigene Handschrift, um nicht wie eine französische Version irgendeines bekannten Namens zu wirken.

Ganz ohne Schwächen kommt die Platte trotzdem nicht davon. Wer den frühen, monolithischeren Endless-Floods-Sound bevorzugt, könnte Passages stellenweise zu melodisch und beinahe zu schön finden. Auch die langen Spannungsbögen verlangen Geduld; nicht jede Passage entwickelt dieselbe Sogwirkung. Das Album lebt mehr von seiner Gesamtform als von vier einzelnen Songs, die man unbedingt sofort wieder hören muss.

Aber vielleicht ist genau das der Punkt. Passages will nicht permanent beeindrucken. Die Platte funktioniert eher über kleine Verschiebungen, über das Verhältnis von Stille und Gewicht, von Schönheit und Dreck. Endless Floods haben ihre Vorstellung davon, wie schwere Musik funktionieren kann, über mehrere Alben hinweg immer weiter ausgedehnt. Hier sind sie inzwischen an einem Punkt angekommen, an dem ein leiser Abschnitt genauso viel Bedeutung haben kann wie eine Wand aus verzerrten Gitarren.

Kein Album für den schnellen Durchlauf und ganz sicher keine weitere Post-Metal-Platte, die nach drei Minuten schon ihr gesamtes Pulver verschossen hat. Passages braucht Raum – und belohnt ihn, wenn man ihn gibt.

https://www.instagram.com/endlessfloods

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