
Sleep – Hempispheres (2026, Third Man Records) (Review)

Die erste Reaktion war vermutlich bei vielen ähnlich: Sleep ohne Matt Pike?
Schwer vorstellbar. Pike war schließlich nicht irgendein Gitarrist, der irgendwann zur Band dazugestoßen ist. Sein Gitarrensound war ein wesentlicher Teil dessen, was Sleep zu Sleep gemacht hat. Diese zerfurchten, endlos schweren Riffs, dieser Ton, der manchmal weniger wie eine Gitarre als wie ein langsam anrollender Betonblock klang. Also ja, ein neues Sleep-Album ohne ihn musste zwangsläufig Fragen aufwerfen.
Und Hempispheres gibt darauf eine ziemlich interessante Antwort.
Nicht unbedingt die, die man erwartet.
Denn das neue Sleep versucht erstaunlicherweise gar nicht, die alte Formel mit einem anderen Gitarristen nachzubauen. Al Cisneros, inzwischen das einzige Gründungsmitglied, hat mit Bubba Dupree an der Gitarre und Dale Crover am Schlagzeug eine Besetzung zusammengestellt, die ihre eigenen Spuren hinterlässt. Und genau deshalb funktioniert das Album besser, als man zunächst vielleicht vermuten würde.
Schon „Have Spacesuit Will Travel“ macht klar, dass hier etwas anders läuft. Der Song braucht seine Zeit, bevor er überhaupt richtig loslegt. Kein sofortiger Riffhammer, kein Versuch, innerhalb der ersten dreißig Sekunden den alten Sleep-Glauben wiederherzustellen. Stattdessen baut sich das Stück langsam auf, die Rhythmusgruppe tastet sich vor, dann kommt die Gitarre dazu und plötzlich ist diese typische Sleep-Schwere wieder da – nur eben nicht ganz in der Form, die man erwartet hätte.
Das Entscheidende ist: Diese Platte ist nicht besonders massiv. Sie ist schwer auf eine andere Art.
Cisneros‘ Bass spielt eine noch größere Rolle, während Dupree nicht versucht, Pike zu kopieren. Seine Gitarre klingt stellenweise dreckiger, bluesiger, fast psychedelischer. Das passt erstaunlich gut zu der Richtung, in die Cisneros Sleep offenbar ziehen möchte. Wer hier die nächste Dopesmoker-Mauer erwartet, könnte zunächst enttäuscht sein. Wer sich darauf einlässt, bekommt dafür mehr Bewegung innerhalb dieser langsamen Musik.
„The Morrisist“ geht noch stärker in diese Richtung. Der Bass hängt schwer im Raum, die Gitarre setzt eher Akzente, und Crover lässt das Ganze nicht einfach stumpf vor sich hinrollen. Sein Spiel ist verdammt wichtig für den Charakter der Platte. Man kennt ihn natürlich als Schlagzeuger der Melvins, und diese Verbindung macht auf dem Papier schon Sinn. In der Praxis bedeutet es vor allem, dass Sleep plötzlich einen anderen Puls bekommt.
Das Titelstück „Hempispheres“ bringt dann mehr von dieser psychedelischen Seite nach vorne. Die Gitarre klingt trocken und heiß, während der Bass das Fundament fast unbeirrbar weiterzieht. Crover muss hier überhaupt nicht ständig zeigen, was er kann. Im Gegenteil. Seine Geduld ist eine der Stärken des Albums. Er weiß, wann ein Groove einfach stehen bleiben muss.
Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem Hempispheres interessant wird: Sleep waren schon immer eine Band der Wiederholung, aber diesmal fühlt sich diese Wiederholung weniger monumental und dafür etwas organischer an.
„Arrival Of The Industry Ships“ ist mit Abstand das längste Stück und gleichzeitig das dreckigste. Der Song kriecht zunächst fast widerwillig los, als müsste die Maschine erst einmal überhaupt anspringen. Viel Blues, viel Low End, viel Raum. Es passiert nicht ständig etwas Neues – und das muss man mögen. Wer bei solchen Songs nach jedem Riffwechsel nervös auf die Uhr schaut, wird hier vermutlich nicht glücklich.
Aber Sleep haben auch nie Musik für ungeduldige Menschen gemacht.
Interessant ist vielmehr, wie stark Cisneros inzwischen als Songwriter und Sänger im Zentrum steht. Seine Stimme war schon auf The Sciences weniger klassisches Growlen als eine Art monotoner Sprechgesang. Hier wird diese Idee noch weiter reduziert. Er singt nicht wirklich im traditionellen Sinn. Er erzählt, beschwört, wiederholt. Das kann hypnotisch wirken, manchmal aber auch ein bisschen flach. Es gibt Momente, in denen man sich eine stärkere melodische oder dynamische Reaktion wünschen würde.
Das ist überhaupt eine der wenigen Grenzen dieser Platte. Die neue Freiheit hat nicht automatisch mehr Abwechslung gebracht. Einige Passagen funktionieren großartig, weil die drei Musiker gemeinsam einen Groove finden und ihn einfach laufen lassen. An anderen Stellen ist der Unterschied zwischen hypnotisch und etwas zu gleichförmig ziemlich klein.
Und dann kommt „Whole Wheat Mountain / Well Baked“, das den Kreis irgendwie schließt. Wieder diese Mischung aus Blues, Doom, Psychedelic Rock und diesem völlig eigenen Sleep-Humor. Der Song wird nicht zum großen Finale aufgeblasen. Er darf sich entwickeln, an Lautstärke verlieren und irgendwann einfach aufhören.
Das passt.
Denn Hempispheres ist kein Comeback-Album im klassischen Sinne. Es versucht nicht, die Vergangenheit zu übertreffen. Es versucht nicht einmal besonders verzweifelt, sie zu wiederholen.
Und genau deshalb ist die Abwesenheit von Matt Pike am Ende weniger problematisch als gedacht.
Natürlich fehlt sein Gitarrenton. Und ja, man hört das. Wer Sleep vor allem wegen dieser gewaltigen, sägenden Pike-Riffs liebt, wird hier wahrscheinlich etwas vermissen. Das kann man nicht wegdiskutieren. Aber Bubba Dupree bringt eben nicht den Ersatz-Pike mit, sondern eine eigene Geschichte. Seine Verbindung zu Void macht diese Besetzung sogar spannender, als ein technisch perfekter Nachfolger es gewesen wäre.
Dale Crover wiederum ist keine bloße Rhythmusmaschine. Zusammen mit Cisneros sorgt er dafür, dass Hempispheres deutlich stärker nach einer lebenden Band klingt, die sich in einem Raum aufeinander einstellt, statt nach einer perfekt rekonstruierten Version des alten Sleep-Sounds.
Und vielleicht ist das die eigentliche Überraschung dieses Albums.
Sleep klingen hier nicht wie Sleep ohne Matt Pike. Sie klingen wie Sleep, die einen anderen Weg genommen haben.
Nicht so gewaltig wie Dopesmoker. Nicht so riffbetont wie Holy Mountain. Auch nicht so eindeutig auf der sicheren Seite wie The Sciences. Dafür psychedelischer, bluesiger und stellenweise fast schon schwebend. Die ganz große Druckwelle bleibt öfter aus – dafür gibt es mehr Groove und mehr Raum.
Ist das die bessere Version von Sleep? Natürlich nicht.
Ist es überhaupt dieselbe Band? Darüber kann man gerne streiten.
Aber als neue Phase funktioniert Hempispheres erstaunlich gut. Und nach dem ersten Schock über einen Sleep-Song ohne Matt Pike ist das vielleicht die wichtigste Erkenntnis: Cisneros hat hier nicht versucht, die Vergangenheit zu konservieren. Er hat sie weiterlaufen lassen.
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