
FUZZING NATION – Mothertruck (2026, Octopus Rising) (Review)

Es gibt Bands, bei denen man nach den ersten paar Minuten ziemlich genau weiß, was einen erwartet. Fuzz, schwere Riffs, ein bisschen Wüste im Kopf – fertig. Bei FUZZING NATION ist das zunächst auch nicht anders. „Burning Roads“ rollt los, als hätte jemand den Verstärker direkt an die Autobatterie geklemmt, und „Mothertruckers“ legt noch eine Schippe drauf. Stoner Rock, klar. Heavy Rock sowieso. Die üblichen Verdächtigen lassen grüßen.
Nur bleibt es eben nicht dabei.
„Mothertruck“ ist das erste Full-Length der Athener Band und gleichzeitig ein Konzeptalbum. Die Geschichte führt durch eine postapokalyptische Welt, in der ein namenloser Held durch eine zerstörte Landschaft zieht, auf der Suche nach etwas, das er selbst nie erlebt hat. Klingt erstmal nach reichlich Sand, kaputten Fahrzeugen und einem schlechten Tag für die Menschheit. Musikalisch nimmt FUZZING NATION diese Vorlage aber durchaus ernst und lässt die zehn Songs nicht einfach nur als lose Sammlung fuzziger Riffs nebeneinanderstehen.
Das funktioniert besonders gut bei „The Open Wound“. Der Song bleibt schwer und riffbetont, kippt aber immer wieder in andere Ecken, ohne seine Basis völlig zu verlieren. Hier wird es düsterer, etwas sperriger, teilweise fast post-punkig. „Dead Old Tree“ geht noch weiter in Richtung Doom und bekommt dadurch einen ganz anderen Charakter. Weniger Fahrt, mehr Stillstand. Und genau das passt zur Geschichte: Der Protagonist macht halt, denkt nach, bevor es weitergeht.
Überhaupt ist die Abwechslung eine der interessantesten Seiten des Albums – und gleichzeitig seine kleine Schwachstelle. Denn FUZZING NATION haben offensichtlich keine Lust, zehnmal denselben Song aufzunehmen. „The Elder’s Code“ beispielsweise hat plötzlich eine fast tänzelnde, psychedelische Note, während „I Don’t Believe“ deutlich aggressiver nach vorne geht und Punk beziehungsweise Hardcore durch die Stoner-Riffs schiebt. Später tauchen wieder Doom, Alternative- und Heavy-Rock-Elemente auf.
Man kann das als Stärke sehen. Man kann aber auch irgendwann denken: Jungs, entscheidet euch doch mal.
Ich tendiere trotzdem zur ersten Variante. Gerade weil der größte Teil des Albums auf einem ziemlich vertrauten Fundament steht, tun diese Ausbrüche gut. Sie verhindern, dass „Mothertruck“ zu einem 44-minütigen Lehrstück über das richtige Anschlagen eines Fuzz-Pedals wird.
Auffällig ist dabei der Bass. Gerade in „The Open Wound“ und „The Elder’s Code“ bekommt Steve Giannakos mehr Raum, als man es von einer klassischen Stoner-Produktion erwarten würde. Das tut dem Trio gut. Bei einer Band mit nur Gitarre, Bass und Schlagzeug muss schließlich irgendwo Bewegung entstehen, und FUZZING NATION verstehen es meistens, diese drei Instrumente miteinander arbeiten zu lassen, statt einfach alles mit Gitarren zuzuschütten.
Auch die Entstehungsgeschichte passt dazu. Die Band entstand 2022 aus einer Jam-Session, und diese spontane Ausgangslage hört man dem Album stellenweise an. Die Songs wirken nicht wie bis zur letzten Schraube glattgezogene Studioprodukte. Es gibt Ecken, kleine Umwege und Momente, in denen die Band lieber einem Groove folgt, als ihn für die perfekte Genre-Schublade abzuwürgen. Das passt auch zu ihrer Haltung auf der Bühne: drei Musiker, live, analog, ohne Backing Tracks.
Nicht alles funktioniert dabei gleich gut. Der Gesang bleibt über weite Strecken eher zurückhaltend und manchmal schlicht zu gleichförmig, gerade wenn die Musik darunter eigentlich nach mehr Ausdruck verlangt. Und einige Passagen könnten durchaus etwas mehr Dynamik vertragen. „Mothertruck“ besitzt zwar genug verschiedene Zutaten, aber nicht jeder Wechsel wirkt automatisch zwingend. Manchmal entsteht tatsächlich der Eindruck, dass die Band einfach wissen wollte, was passiert, wenn sie noch eine weitere Idee in den Song kippt.
Aber genau hier wird das Album interessanter als ein glattpolierter Stoner-Release nach Schema F.
Denn FUZZING NATION versuchen nicht, besonders modern zu klingen. Sie wollen auch nicht beweisen, dass sie den Stoner Rock neu erfunden haben. Das haben sie nicht. Dafür kennen sie ihre musikalischen Wurzeln viel zu gut – und tragen sie ziemlich offen vor sich her. Der Unterschied liegt darin, was sie daraus machen.
Besonders gelungen ist die Verbindung zwischen Musik und Geschichte. Die Songs funktionieren auch ohne dass man jedes Detail der Handlung kennt, bekommen aber zusätzliche Bedeutung, wenn man den Ablauf des Albums verfolgt. „I Don’t Believe“ klingt nicht zufällig nach Widerstand, „Fallen Angel“ markiert einen anderen Punkt in der Geschichte und „Turn The Key“ führt schließlich zum entscheidenden Moment. Und dann kommt „I Don’t Care At All“ und lässt die Sache bewusst offen.
Ob der Held nun wirklich etwas verändert hat? Tja.
Vielleicht.
Oder auch nicht.
Das ist ein ziemlich passender Schluss für ein Album, das selbst nicht immer genau dort bleiben will, wo man es erwartet.
„Mothertruck“ ist deshalb kein Pflichtkauf, weil FUZZING NATION irgendeine neue Form des Stoner Rock entwickelt hätten. Dafür ist vieles zu tief in den bekannten Siebzigern und Neunzigern verwurzelt. Aber die Band besitzt genug eigene Ideen, Spielfreude und vor allem genug Vertrauen in ihre drei Instrumente, um daraus mehr zu machen als eine weitere Kopie der bekannten Wüstenformel.
Manchmal fahren sie dabei einen Umweg zu viel. Manchmal fehlt dem Gesang der letzte Biss. Dafür gibt es Bassläufe, schräge Wendungen, Doom-Momente, Punk-Ausbrüche und jede Menge Riffs, die genau das tun, was sie sollen: den Kopf in Bewegung bringen.
Und vielleicht ist das am Ende die wichtigste Erkenntnis: FUZZING NATION müssen nicht den Stoner Rock retten. Sie müssen einfach gute Songs schreiben und sie laut spielen.
Auf „Mothertruck“ gelingt ihnen das ziemlich oft.
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