
Destroy My Brains – Wilt (2026) (Review)

Manchmal braucht es keine große Neuerfindung. Manchmal reicht es völlig, das, was man kann, noch ein Stück weiterzutreiben. Destroy My Brains aus Lloydminster, Kanada, gehören definitiv zu den Bands, bei denen man keine stilistische Kehrtwende erwartet. Auf ihrem sechsten Album Wilt gibt es wieder Sludge, Doom, Punk-Attitüde und jede Menge kaputter Riffs. Nur klingt diesmal alles noch etwas verbrauchter, wütender und schwerer.
Wilt bildet den Abschluss der W.I.L.T.-Reihe – Worthless, InsignifiCan’t, Lifeless, Tormented – und damit einer über mehrere Alben angelegten Reise durch Selbstzerstörung, Trauma und menschlichen Verfall. Das ist kein besonders gemütlicher Stoff, aber Destroy My Brains machen auch musikalisch keinen Versuch, ihn angenehmer erscheinen zu lassen.
Die Gitarren hängen tief und fett im Keller, der Bass schiebt ordentlich von unten, und über allem liegt Jarret Beachs kratziges, angepisstes Organ. Dabei ist es nicht nur die Lautstärke oder Verzerrung, die für die nötige Härte sorgt. Die Band versteht etwas von Riffs. Viele Passagen sind erstaunlich direkt, bleiben hängen und bekommen gerade dadurch ihre Wirkung.
Das Schöne daran: Wilt ist kein Album, das permanent im Schneckentempo durch den Schlamm kriecht.
Destroy My Brains lassen immer wieder Punk und Hardcore durchscheinen. Dann geht es plötzlich nach vorne, die Songs bekommen mehr Bewegung und wirken fast hektisch, bevor wieder eine dieser schweren Passagen alles ausbremst. Dadurch entsteht eine Dynamik, die dem Album ziemlich gut tut. Sie verhindert, dass die sieben Stücke irgendwann wie ein einziger, endloser Brei wirken.
OCI bringt diese nervöse Seite besonders gut auf den Punkt. Der Song wirkt unruhig und getrieben, während die Gitarren immer wieder Druck aufbauen. Ganz anders funktioniert Burn the Virgin, das sich stärker auf die düstere Seite des Materials konzentriert. Hier darf der Doom-Anteil richtig arbeiten, ohne dass die Band daraus irgendein großes atmosphärisches Theater macht.
Überhaupt ist Wilt angenehm frei von überflüssigem Ballast.
Die Produktion darf dreckig bleiben. Die Instrumente müssen nicht klinisch voneinander getrennt werden, und Beachs Stimme klingt nicht so, als hätte man sie für den Radioeinsatz noch schnell poliert. Das passt zur Musik. Bei diesem Sound wäre Hochglanz ohnehin eher ein Problem als ein Qualitätsmerkmal.
Gleichzeitig steckt hinter dem ganzen Lärm mehr Kontrolle, als man zunächst vermuten könnte.
Destroy My Brains wissen ziemlich genau, wann ein Song Druck braucht und wann ein Riff besser funktioniert, wenn man es einfach stehen lässt. Gerade die langsameren Stellen profitieren davon. Statt ständig neue Ideen auf den Hörer loszulassen, baut die Band Spannung über Wiederholung und Gewicht auf. Und wenn dann wieder das Tempo anzieht, merkt man den Unterschied sofort.
Thematisch bleibt die Band dabei in ihrem gewohnt düsteren Kosmos. Wilt beschäftigt sich mit Missbrauch, Gewalt, psychischer Belastung, Selbstzerstörung und den verschiedenen Formen von menschlichem Verfall. Das sind keine Themen, die hier als hübsche Dekoration neben den Riffs stehen. Sie gehören zum Grundgefühl der Platte.
Man hört das vor allem dann, wenn die Songs etwas mehr Raum bekommen.
Der elfminütige Titeltrack bildet schließlich den längsten und wohl schwersten Brocken des Albums. Wilt fühlt sich weniger wie ein gewöhnlicher Abschluss-Track an als wie der Punkt, an dem die ganze Geschichte noch einmal zusammengezogen wird. Die Band nimmt sich Zeit, die Spannung auszubreiten, anstatt nach ein paar Minuten einfach den nächsten Schlag ins Gesicht zu verteilen.
Und genau deshalb funktioniert dieser Brocken so gut.
Nach all den kürzeren, direkteren Attacken wirkt die Länge nicht wie Selbstzweck. Der Song bekommt dadurch eine andere Schwere und lässt das Album tatsächlich wie einen Abschluss wirken. Kein großer Befreiungsschlag, kein versöhnliches Ende. Eher das Gegenteil.
Was bei Wilt besonders auffällt, ist die Balance zwischen roher Aggression und ziemlich solidem Songwriting. Destroy My Brains wollen nicht beweisen, wie extrem sie sein können. Sie wollen schwere Musik spielen, und zwar so, dass sie trotzdem nach Songs klingt. Das ist bei Sludge keineswegs selbstverständlich.
Natürlich ist das hier nichts für Leute, die ihre Musik gerne sauber, freundlich und unkompliziert serviert bekommen. Wilt kratzt, drückt und nervt an den richtigen Stellen. Manchmal ist es geradezu unangenehm. Aber genau diese Eigenschaft macht das Album glaubwürdig.
Destroy My Brains haben mit Wilt ihren Sound nicht neu erfunden. Sie haben ihn weiter verdichtet.
Und vielleicht ist das für den Abschluss einer solchen Albumreihe auch die bessere Entscheidung. Statt plötzlich irgendwo anders hinzulaufen, bleiben sie bei dem, was diese Band seit Jahren ausmacht: tiefe Riffs, kaputte Atmosphäre, ordentlich Wut und eine gesunde Portion Punk im Maschinenraum.
Kein Album für den Sonntagmorgen. Aber ein verdammt gutes Ventil für Tage, an denen einem ohnehin schon alles auf die Nerven geht. Wilt ist dreckiger Sludge mit Doom-Schwere und Hardcore-Biss – roh genug für den Underground und gleichzeitig gut genug geschrieben, dass die sieben Songs nicht einfach in einem Haufen Verzerrung verschwinden. Ein würdiger, ziemlich finsterer Schlusspunkt der W.I.L.T.-Saga.
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