
TROUBLE – The Skull (Klassiker-Review)

Es gibt Alben, die man irgendwann einfach nicht mehr objektiv hören kann. The Skull gehört für mich ganz klar dazu.
Natürlich weiß man, was kommt. Natürlich kennt man die Riffs. Natürlich hat man Pray For The Dead, The Wish und den Titelsong schon hundertmal gehört. Und natürlich ist längst bekannt, welchen Einfluss Trouble auf den späteren Doom Metal hatten.
Aber dann läuft die Platte wieder.
Und plötzlich ist es völlig egal.
The Skull erschien 1985, gerade einmal ein Jahr nach Psalm 9, und trotzdem fühlt sich das Album nicht wie ein schneller Nachschlag an. Eher wie der Moment, in dem eine Band plötzlich merkt, was sie eigentlich mit ihrer Musik anfangen kann.
Der Unterschied zum Debüt liegt nicht unbedingt darin, dass Trouble hier alles anders machen. Im Gegenteil. Die Zutaten sind immer noch dieselben: schwere Riffs, klassische Heavy-Metal-Gitarren, diese leicht psychedelische Note und Eric Wagners Stimme, die klingt, als würde sie gleichzeitig singen und über das Leben nachdenken.
Aber The Skull ist konzentrierter.
Und trauriger.
Schon Pray For The Dead macht das ziemlich deutlich. Das Stück kommt nicht mit einem riesigen Knall aus der Tür. Es baut sich auf, zieht die Spannung an und landet schließlich in diesem Riff, das gleichzeitig gewaltig und erstaunlich verletzlich wirkt.
Das ist eine Kombination, die Trouble damals ziemlich einzigartig gemacht hat.
Schwere Musik, die nicht unbedingt aggressiv sein will.
Das klingt heute vielleicht selbstverständlich. Damals war es das nicht.
Während sich andere Metal-Bands der Achtziger immer weiter in Richtung Geschwindigkeit, Härte und technischer Finesse bewegten, konnten Trouble einen Song wie The Wish einfach über elf Minuten laufen lassen. Und das Verrückte daran: Es fühlt sich nicht wie elf Minuten an.
Der Song nimmt sich Zeit.
Sehr viel Zeit.
Er wechselt das Tempo, die Gitarren gehen aufeinander los und finden anschließend wieder zusammen, und irgendwo dazwischen entsteht diese eigentümliche Mischung aus Melancholie und Größenwahn. Nicht im schlechten Sinne. Eher so, als hätte die Band beschlossen, dass ein Doom-Song ruhig auch mal ein kleines Epos sein darf.
Und dann kommt Eric Wagner.
Was dieser Mann auf The Skull mit seiner Stimme macht, ist für mich nach wie vor einer der Hauptgründe, warum die Platte so gut funktioniert. Er klingt nicht wie der typische Doom-Sänger, der möglichst tief und böse klingen möchte. Wagner kann hoch singen, melodisch singen, beinahe zerbrechlich klingen – und trotzdem bleibt immer dieses Gewicht in seiner Stimme.
Gerade deshalb funktionieren die Texte.
Ja, The Skull ist ein ausgesprochen christliches Album. Das lässt sich schlecht ignorieren, schließlich sind die religiösen Motive überall präsent, vom Titeltrack bis zu Songs wie Fear No Evil oder Gideon.
Und trotzdem wirkt die Platte nicht wie eine Predigt.
Das ist zumindest für mich der entscheidende Punkt.
Trouble spielen hier keine „Metal-Version eines Gottesdienstes“. Die religiösen Bilder werden Teil dieser düsteren, manchmal fast apokalyptischen Atmosphäre. Man kann die Texte religiös lesen, philosophisch oder einfach als Ausdruck von Angst, Schuld, Tod und Hoffnung.
Und genau deshalb altern sie besser als vieles, was damals deutlich moderner wirken wollte.
Musikalisch ist The Skull ohnehin ein ziemlich eigenartiges Ding.
Natürlich ist Doom Metal das Fundament. Aber Trouble waren nie besonders gut darin, sich an ein einziges Genre zu halten. Da sind diese wunderbar klassischen Gitarrenharmonien, die eher aus dem Heavy Metal kommen. Da tauchen schnellere Passagen auf. Dann wieder ein Riff, das plötzlich alles Gewicht bekommt, das man von einer Doom-Platte erwartet.
Die beiden Gitarristen Bruce Franklin und Rick Wartell sind dabei ein eigenes Kapitel.
Keine endlosen Solo-Wettbewerbe. Kein „Schaut mal, was ich spielen kann“. Stattdessen ergänzen sich die beiden ständig. Harmonien, kleine Gegenmelodien, Leads, die plötzlich aus dem Riff herauswachsen.
Und genau da hört man, warum The Skull auch Jahrzehnte später nicht wie ein Stück Archäologie klingt.
Die Platte ist nicht besonders glatt.
Zum Glück.
Sie hat Kanten. Die Produktion klingt nach 1985. Die Gitarren sind schwer, aber nicht klinisch. Das Schlagzeug sitzt nicht wie auf einem modernen Metal-Album millimetergenau im Rechner. Und Wagners Stimme darf einfach so klingen, wie sie eben klingt.
Das gibt dem Ganzen Charakter.
Nach Pray For The Dead, Fear No Evil und dem elfminütigen The Wish nimmt die Platte mit Truth Is, What Is etwas Tempo heraus, bevor Wickedness Of Man und Gideon wieder stärker auf klassische Heavy-Metal-Strukturen setzen. Und dann kommt zum Schluss The Skull.
Was für ein Abschluss.
Der Titelsong ist nicht einfach deshalb großartig, weil er langsam und schwer ist. Er hat etwas Unheimliches, beinahe Zeremonielles. Die Gitarren wirken stellenweise wie aus einer anderen Welt, während Wagner darüber diese seltsame Mischung aus Schmerz und Überzeugung legt.
Und irgendwann ist die Platte vorbei.
43 Minuten.
Sieben Songs.
Das war’s.
Kein Bonusmaterial, keine drei alternativen Versionen, keine fünfzig Minuten Intro. Einfach sieben Songs, die ihren Platz kennen.
Vielleicht liegt genau darin ein Teil der Faszination.
The Skull versucht nicht, möglichst groß zu wirken. Es ist groß.
Und das ist ein Unterschied.
Man kann natürlich darüber diskutieren, ob Psalm 9 das bessere Album ist. Das wird vermutlich nie endgültig geklärt werden, und ehrlich gesagt ist mir die Diskussion auch lieber als jede eindeutige Antwort.
Für mich persönlich hat The Skull aber diesen einen Vorteil: Es ist weniger unmittelbar. Die Platte wächst.
Beim ersten Durchlauf hört man die Riffs.
Beim zehnten hört man die Songs.
Und irgendwann hört man einfach Trouble.
Das ist bei Klassikern meistens der Moment, an dem man aufhören sollte, sie erklären zu wollen.
Wer The Skull heute noch als „altes Doom-Album von 1985“ bezeichnet, hat die Platte wahrscheinlich nicht oft genug gehört. Sie klingt nicht alt. Sie klingt nach Trouble. Und das ist etwas völlig anderes.
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