Der ultimative Fuzz aus der Unterwelt

Argul – Soledad & Orgullo (2026, Personal Records) (Review)

Es gibt Platten, bei denen man schon nach den ersten Sekunden ziemlich genau weiß, aus welcher Ecke sie kommen. Soledad & Orgullo gehört definitiv dazu. Aber ARGUL machen es einem trotzdem nicht ganz so einfach, sie mit einem Etikett abzuspeisen.

Doom Metal aus Lima, Peru? Ja.

Schwere Sabbath-Riffs? Natürlich.

Stoner-Einflüsse? Ebenfalls vorhanden.

Und trotzdem klingt das Debüt der Peruaner nicht wie die nächste Band, die einfach ein paar alte Black-Sabbath-Platten auflegt, den Verstärker möglichst weit aufdreht und darauf wartet, dass der Rest von alleine passiert.

Dafür ist Soledad & Orgullo zu nachdenklich.

Schon der Titel – „Einsamkeit & Stolz“ – passt ziemlich gut zu dieser Musik. Vieles auf dem Album wirkt schwer, aber nicht nur körperlich schwer. Da hängt eine gewisse innere Spannung in den Songs, die sich nicht einfach mit dicken Gitarren erklären lässt. ARGUL können ein Riff minutenlang stehen lassen und trotzdem den Eindruck vermitteln, dass darunter ständig etwas arbeitet.

Das ist vermutlich die interessanteste Seite dieses Debüts.

Denn die Band kommt hörbar aus dem klassischen Stoner- und Doom-Umfeld. Gerade in den schwereren Passagen sind Sabbath, Pentagram und die alte Schule des Heavy Rock natürlich nicht weit entfernt. Aber ARGUL haben diese Einflüsse nicht einfach konserviert. Sie ziehen die Musik deutlich weiter in Richtung Atmosphäre und Melancholie.

Und dann ist da das Spanische.

Das klingt vielleicht nach einem nebensächlichen Detail, ist es aber überhaupt nicht. Die spanischen Vocals geben der Platte eine ganz andere Färbung. Gerade weil die Musik ansonsten so tief in einer Tradition verwurzelt ist, entsteht dadurch ein interessanter Kontrast. Die Riffs könnten aus irgendeinem alten britischen Proberaum stammen – der Gesang verankert das Album dagegen ganz klar in seiner eigenen Umgebung.

Das funktioniert erstaunlich gut.

ARGUL müssen dafür auch nicht permanent auf Härte setzen. Im Gegenteil: Einige der ruhigeren Passagen gehören zu den stärksten Momenten des Albums. Die Band versteht offenbar, dass ein wirklich schwerer Song nicht unbedingt ständig schwer klingen muss.

Manchmal wirkt ein zurückgenommenes Gitarrenmotiv viel bedrückender als der nächste tonnenschwere Akkord.

Genau diese Wechsel machen Soledad & Orgullo spannend. Die Musik kann sich ziemlich breitmachen, dann wieder zurücknehmen und plötzlich erneut Druck entwickeln. Das hat etwas Geduldiges. ARGUL lassen ihren Songs Zeit, sich zu entfalten, ohne daraus eine reine Geduldsprobe zu machen.

Dabei hört man immer wieder, dass die Musiker nicht erst gestern angefangen haben, Heavy Metal zu spielen. Die Band selbst existiert zwar seit 2014 und hat bisher nur ein Demo veröffentlicht, aber die Mitglieder bringen reichlich Erfahrung aus der peruanischen Szene mit. Das merkt man. Hier spielt niemand seine Instrumente zum ersten Mal zusammen.

Gleichzeitig ist das Album angenehm frei von diesem typischen „Wir müssen jetzt beweisen, wie komplex unser Doom ist“-Problem.

Die progressiven Einflüsse sind vorhanden, aber ARGUL müssen nicht ständig irgendwelche krummen Taktwechsel vorzeigen. Wenn eine Passage funktioniert, bleibt sie eben stehen. Wenn ein Riff seine Wirkung entfaltet, wird es nicht nach dreißig Sekunden durch eine neue Idee ersetzt.

Das gibt Soledad & Orgullo seinen eigenen Rhythmus.

Und dieser Rhythmus ist langsam.

Sehr langsam, teilweise.

Aber eben nicht leblos.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

ARGUL schreiben keine Musik zum Nebenbeihören. Die Platte hat diese gewisse Schwere, die sich erst richtig bemerkbar macht, wenn man sie in Ruhe laufen lässt. Kopfhörer auf, Licht etwas runter – und plötzlich funktionieren auch die scheinbar unspektakulären Stellen viel besser.

Besonders interessant finde ich dabei die Mischung aus den alten Stoner-Wurzeln der Band und dem deutlich weiter entwickelten Doom-Sound. Man kann sich gut vorstellen, wo ARGUL einmal angefangen haben. Gleichzeitig ist Soledad & Orgullo weit genug davon entfernt, nur eine verlängerte Version dieser frühen Phase zu sein.

Es ist eher so, als hätte die Band ihre alten Ideen mitgenommen und ihnen über die Jahre deutlich mehr Gewicht gegeben.

Das erklärt auch, warum die vielen genannten Einflüsse letztlich gar nicht so störend auffallen. Natürlich steckt hier Sabbath drin. Uriah Heep kann man an manchen Stellen erahnen, ebenso klassischen Heavy Rock und die eher melancholische Seite des Doom. Aber man hört nicht ständig die einzelnen Referenzen heraus und denkt: „Ah, jetzt kommt YOB.“

Das Album funktioniert eher als eigenes Gebilde.

Und genau das sollte ein Debüt schließlich leisten.

Soledad & Orgullo ist nicht perfekt. An manchen Stellen könnte die Band durchaus etwas mutiger mit Dynamik und Arrangement umgehen, und nicht jede Passage entwickelt dieselbe Sogwirkung. Aber gerade diese kleinen Unebenheiten machen das Album für mich glaubwürdiger. Es klingt nicht wie ein bis ins letzte Detail poliertes Produkt, sondern wie das Ergebnis einer Band, die über Jahre an ihrem eigenen Sound gearbeitet hat.

Das passt wiederum ziemlich gut zum Titel.

Einsamkeit und Stolz.

Zwei Begriffe, die in dieser Musik tatsächlich nebeneinander funktionieren. Die Einsamkeit steckt in den langen, melancholischen Passagen und in diesem permanenten Gefühl von Schwere. Der Stolz dagegen steckt in den Riffs. ARGUL verstecken ihre Wurzeln nicht und versuchen auch nicht, aus ihrer Musik etwas künstlich Modernes zu machen.

Sie stehen ziemlich selbstbewusst zu dem, was sie sind.

Und vielleicht ist genau das die Stärke dieses Debüts.

Soledad & Orgullo ist keine Platte, die laut schreit: „Hier sind wir, bitte beachtet uns.“

Sie steht einfach da.

Schwer, dunkel, gelegentlich beinahe hypnotisch – und mit genügend Eigenständigkeit, um nicht in der riesigen Masse des Doom-Undergrounds unterzugehen.

Für ein Debüt ist das schon ziemlich ordentlich.

ARGUL haben sich Zeit gelassen. Nach dem Hören von Soledad & Orgullo kann man zumindest sagen: Das Warten hat sich gelohnt.

https://www.instagram.com/argul__doom

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