
Kyuss – Wretch (Klassiker-Review)
Man kann Wretch heute kaum hören, ohne automatisch zu wissen, was danach kommt. Und genau darin liegt das Problem – und gleichzeitig der Reiz dieser Platte.
Denn natürlich wissen wir inzwischen, was aus Kyuss werden sollte. Wir kennen Blues For The Red Sun, wir kennen Welcome To Sky Valley, wir wissen, welchen Einfluss Josh Homme später mit Queens Of The Stone Age haben würde. Wretch hat dieses Wissen aber nicht. Diese Platte klingt nicht wie der erste Schritt einer Band, die gerade dabei ist, Geschichte zu schreiben. Sie klingt wie vier junge Typen, die einfach verdammt viel Lärm machen wollen.
Und zwar ziemlich guten Lärm.
Der Einstieg mit (The Beginning Of What’s About To Happen) Hwy 74 ist dafür eigentlich perfekt gewählt. Das Stück ist schnell, nervös und voller Riffs, die noch nicht die Geduld besitzen, die Homme später entwickeln sollte. Hier wird nicht lange in einem Groove geparkt. Es geht vorwärts, es gibt einen Riff nach dem anderen, und irgendwo dazwischen versucht die Band offenbar selbst herauszufinden, wohin das Ganze eigentlich führen soll.
Das ist noch nicht der Kyuss-Sound, den man später mit dem Begriff Desert Rock verbinden wird.
Es ist dreckiger. Ungehobelter. Stellenweise sogar erstaunlich punkig.
Und dann kommt John Garcia.
Seine Stimme ist auf Wretch noch nicht diese gewaltige, selbstverständliche Präsenz, die sie wenig später werden sollte. Aber genau deshalb passt sie hier so gut. Garcia klingt jung, rau und ein bisschen so, als würde er jederzeit die Kontrolle verlieren. Das gibt Songs wie Son Of A Bitch eine Energie, die man nicht unbedingt mit technischer Perfektion erklären kann. Der Song braucht keine komplizierten Kunststücke. Ein paar Riffs, dieser Gesang und ein Refrain, der sich sofort festbeißt – fertig.
Überhaupt sind die besten Momente von Wretch meistens die einfachen.
I’m Not funktioniert über diesen schwerfälligen Groove, The Law zeigt bereits, wie viel mehr in dieser Band steckt, wenn sie ihren Riffs etwas Raum gibt, und Stage III deutet am Ende sogar an, wohin die Reise gehen könnte. Gerade dieser Instrumentaltrack wirkt im Rückblick fast wie ein kleiner Blick in die Zukunft. Die späteren langen, psychedelischen Passagen sind hier noch nicht ausformuliert, aber die Idee ist bereits vorhanden.
Dazwischen allerdings liegt einiges, das man heute nicht unbedingt verteidigen muss.
Und die Produktion macht es einem auch nicht gerade leichter.
Wretch klingt dünn, dumpf und teilweise ziemlich matschig. Der Bass verschwindet gerne irgendwo im Hintergrund, während die Gitarren nicht die Wucht besitzen, die man von Kyuss später erwarten würde. Das ist keine dieser Platten, bei denen man behaupten muss, eine schlechte Produktion sei eigentlich „authentisch“. Nein, sie ist schlicht nicht besonders gut.
Aber sie passt verdächtig gut zu diesem frühen Stadium der Band.
Denn Wretch klingt dadurch wie ein Dokument. Nicht wie das sorgfältig konservierte erste Kapitel einer späteren Legende, sondern wie ein Schnappschuss aus einer Zeit, in der noch niemand wusste, was daraus werden würde.
Das merkt man auch am Songwriting.
Manche Stücke sind stark, andere eher Skizzen. Manche Riffs bleiben hängen, andere verschwinden nach dem nächsten Durchlauf. Es gibt Passagen, die sich anfühlen, als hätte die Band eine wirklich gute Idee gehabt und dann nicht ganz gewusst, was sie damit anfangen soll. Das Album ist nicht besonders elegant. Es ist manchmal sogar ziemlich unbeholfen.
Aber genau diese Unbeholfenheit macht es interessant.
Denn hier ist noch nichts glattgezogen. Kyuss haben noch keine feste Vorstellung davon, wie ihre Musik funktionieren muss. Sie spielen Heavy Rock, Metal, Punk, Blues und Psychedelic durcheinander und lassen manches davon einfach stehen. Erst später wird daraus diese eigentümliche Mischung aus zähem Groove, gigantischem Gitarrensound und psychedelischer Weite, die heute jeder kennt.
Auf Wretch ist davon vieles erst im Rohzustand vorhanden.
Und vielleicht sollte man die Platte deshalb auch nicht ständig gegen Blues For The Red Sun antreten lassen. Natürlich verliert sie diesen Vergleich. Das wäre ungefähr so, als würde man einen ersten Entwurf mit dem fertigen Gemälde vergleichen. Selbst Kyuss selbst standen dem Album später eher kritisch gegenüber, und die bekannte Geschichte vom Wechsel zu Chris Goss und dem deutlich besseren Sound der folgenden Ära macht Wretch im Rückblick natürlich noch kleiner.
Trotzdem wäre es falsch, die Platte einfach als „schwaches Debüt“ abzuhaken.
Dafür gibt es zu viele gute Momente.
Vor allem besitzt Wretch etwas, das den späteren Kyuss-Alben teilweise abhandengekommen ist: eine gewisse Unschuld. Die Band klingt hungrig. Nicht mystisch, nicht monumental, nicht wie die Begründer irgendeiner Szene. Einfach hungrig.
Man hört vier Musiker, die ihre Instrumente ziemlich laut spielen und offenbar noch nicht auf die Idee gekommen sind, dass man daraus irgendwann eine ganze musikalische Bewegung machen könnte.
Und genau deshalb ist Wretch heute spannender, als sein Ruf vermuten lässt.
Nein, es ist nicht Kyuss‘ Meisterwerk.
Nein, es ist auch nicht die Platte, die man einem Einsteiger als Erstes in die Hand drücken sollte.
Aber wenn man verstehen will, woher Kyuss kamen, ist Wretch ein verdammt wichtiges Puzzleteil. Nicht weil hier schon alles funktioniert. Sondern weil eben noch so vieles nicht funktioniert.
Die Band musste erst noch lernen, ihre Riffs atmen zu lassen. Den Groove auszukosten. Die Gitarren wirklich groß klingen zu lassen. Und vor allem: weniger zu spielen, um dadurch mehr Wirkung zu erzielen.
Ein Jahr später sollte Blues For The Red Sun zeigen, was passiert, wenn diese Lektionen sitzen.
Wretch ist der Moment davor.
Noch kein Monument.
Eher ein Haufen Steine, Staub und ziemlich viel Krach.
Aber irgendwo darin liegt bereits der Kern dessen, was Kyuss werden sollten.
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