
SOLACE – Fading Failing Ruin (2026, Magnetic Eye Records) (Review)

Dreißig Jahre SOLACE. Das ist im Metal schon eine Hausnummer. In dieser Zeit haben andere Bands drei Comebacks hingelegt, fünfmal ihren Stil gewechselt und sich mindestens einmal aufgelöst, nur um zehn Jahre später wieder gemeinsam auf der Bühne zu stehen. SOLACE dagegen machen einfach weiter. Und mit Fading Failing Ruin liefern sie nun ihr fünftes Album ab.
Das Entscheidende dabei: Die Platte klingt nicht nach Jubiläum.
Kein Rückblick, kein „Wir zeigen euch noch einmal, was wir früher gemacht haben“, kein zwanghaftes Festhalten an irgendeiner alten Formel. SOLACE spielen ihren dreckigen Mix aus Doom, Stoner, Sludge und Heavy Metal einfach weiter – und zwar mit einer Selbstverständlichkeit, die man sich nach drei Jahrzehnten vermutlich auch erst einmal erarbeiten muss.
Schon Spiral Will macht klar, wohin die Reise geht. Die Gitarren haben ordentlich Gewicht, gleichzeitig bleibt genug Bewegung im Song, damit das Ganze nicht nach einer zähen Fuzz-Wand klingt. SOLACE können langsam werden, ohne stehenzubleiben. Und wenn dann ein Riff richtig zuschlägt, merkt man den Unterschied.
Überhaupt sind Riffs hier die halbe Miete.
Das klingt banal, ist aber längst nicht mehr selbstverständlich. Gerade im Doom- und Sludge-Bereich wird gerne so viel Wert auf Atmosphäre und möglichst schwere Sounds gelegt, dass irgendwann die eigentlichen Songs verschwinden. Bei SOLACE passiert das nicht. Die Songs haben klare Konturen und bleiben trotz aller Wucht nachvollziehbar.
Fettered To A Stone gehört zu den Stücken, die diesen Ansatz ziemlich gut auf den Punkt bringen. Schwer, dreckig und mit einem Groove, der nicht ständig nach dem nächsten großen Effekt schreit. A God Changes His Plans rückt dagegen etwas stärker in Richtung klassischen Heavy Metal, bevor Wrath’s Object (The Big Fall) wieder ordentlich an der Leine zieht.
Und genau diese Mischung hält das Album zusammen.
SOLACE waren ohnehin nie eine Band, die sich problemlos in eine Schublade stecken ließ. „Dirt Metal“ nennen sie das selbst, anderswo landet man bei Stoner Doom, Sludge oder Heavy Metal mit Hardcore-Einschlag. Alles irgendwie richtig und gleichzeitig nicht ganz. Denn auf Fading Failing Ruin hört man von allem etwas, ohne dass die einzelnen Einflüsse wie auf einer Checkliste abgearbeitet werden.
Der Hardcore steckt vor allem in der Haltung. Dieses leicht angepisste, nach vorne gerichtete Element ist ständig da, auch wenn der Song gerade langsam und schwer wird. Dazu kommen klassische Metal-Melodien, Doom-Riffs und ein gelegentlicher psychedelischer Einschlag. Das Ergebnis klingt amerikanisch, ohne sich in den üblichen Genre-Klischees zu verlieren.
Gut so.
Auch die zusätzlichen Keyboards fallen positiv auf. Sie werden nicht benutzt, um plötzlich irgendeine große Prog-Geste aus dem Hut zu zaubern. Meistens liegen sie eher im Hintergrund und geben einzelnen Passagen etwas mehr Tiefe. Ähnlich verhält es sich mit der Slide-Gitarre. Kleine Details, die man vielleicht beim ersten Durchlauf gar nicht bewusst registriert, die aber dafür sorgen, dass das Album nicht nach neun Variationen derselben Idee klingt.
Und dann ist da natürlich dieses Thema: Untergang.
Fading Failing Ruin ist voll davon. Apokalypse, Verfall, Ende, Gewalt – das komplette Programm. Im Metal ist das nun wirklich kein neues Terrain. Die Welt geht ungefähr seit der Erfindung des Distortion-Pedals unter, und meistens finden sich erstaunlich viele Gitarristen bereit, den Soundtrack dazu zu liefern.
SOLACE machen daraus allerdings kein großes Theater.
Die Songs wirken eher wie der musikalische Ausdruck einer Welt, die schon lange aus den Fugen geraten ist. Kein pathetisches „Jetzt kommt die Apokalypse!“, sondern eher das Gefühl, dass der Schaden längst angerichtet wurde. Das passt ziemlich gut zu dieser schwerfälligen, manchmal geradezu zermürbenden Musik.
Dabei ist das Album keineswegs durchgehend finster. Es gibt Melodien, es gibt Groove, und vor allem gibt es immer wieder Momente, in denen die Band ihre Songs etwas weiter öffnet. Genau diese Stellen sind wichtig, weil sie verhindern, dass Fading Failing Ruin irgendwann nur noch aus möglichst tief gestimmten Gitarren besteht.
Was mir ebenfalls gefällt: SOLACE klingen nicht so, als müssten sie irgendjemandem etwas beweisen.
Das ist bei einer Band mit dreißig Jahren Geschichte durchaus bemerkenswert. Sie versuchen nicht, plötzlich jünger oder moderner zu klingen. Gleichzeitig machen sie auch nicht den Fehler, sich auf ihrem eigenen Erbe auszuruhen. Fading Failing Ruin steht ziemlich selbstverständlich neben dem bisherigen SOLACE-Katalog, ohne ihn nachspielen zu wollen.
Und genau da hört man die Erfahrung.
Nicht unbedingt in irgendwelchen virtuosen Kunststückchen. Viel eher darin, dass die Band weiß, wann ein Song noch einen weiteren Riff braucht – und wann eben nicht. Wann ein Stück Druck verträgt und wann es besser ist, den Raum einfach stehen zu lassen.
Das klingt vielleicht nicht spektakulär. Ist es aber.
Denn ein wirklich gutes schweres Album muss nicht permanent versuchen, noch schwerer zu werden. Irgendwann stumpft man sonst einfach ab. SOLACE verstehen dieses Spiel. Fading Failing Ruin hat genug Dynamik, um auch nach mehreren Durchläufen interessant zu bleiben, ohne dass die Band dafür ihre musikalische Identität verbiegen müsste.
Und so bleibt am Ende vor allem eines hängen: Diese fünf Herren klingen immer noch hungrig.
Nicht wie eine junge Band, die unbedingt entdeckt werden will. Eher wie Musiker, die nach drei Jahrzehnten immer noch Bock darauf haben, gemeinsam einen Haufen verdammt guter Riffs zu spielen.
Das ist vielleicht die beste Art, ein 30-jähriges Bandjubiläum zu feiern.
Keine Nostalgie. Kein Denkmal.
Einfach SOLACE – laut, dreckig, schwer und immer noch ziemlich sauer.
Und ehrlich gesagt darf das gerne noch ein paar Jahre so weitergehen.
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