
BESVÄRJELSEN – Till Glömskan Ad Oblivionem (2026, Magnetic Eye Records) (Review)

Man muss den Schweden ja eines lassen: Für Bands aus einem Land, das musikalisch gerne mit Coolness in Verbindung gebracht wird, machen BESVÄRJELSEN den Job ziemlich ordentlich. Wobei „cool“ bei Till Glömskan Ad Oblivionem nicht bedeutet, dass hier irgendeine distanzierte Rockband mit Sonnenbrille auf der Nase ihre Riffs aus dem Ärmel schüttelt. Dafür ist auf dem dritten Album der Dalarna-Truppe viel zu viel Leben.
Und viel zu viel Unfug.
„Forest Rock“ nennen sich BESVÄRJELSEN selbst. Das ist natürlich der augenzwinkernde Gegenentwurf zum Desert Rock: keine Wüste vor der Haustür, sondern jede Menge Wald. Musikalisch ist das Bild gar nicht so schlecht, denn auch Till Glömskan Ad Oblivionem hat etwas Weites und Erdiges an sich. Nur stehen hier eben keine Kakteen herum, sondern vermutlich irgendwelche ziemlich finsteren schwedischen Bäume.
Wichtiger ist allerdings, was zwischen diesen Bäumen passiert.
BESVÄRJELSEN haben auf ihrem dritten Album hörbar keine Lust darauf, sich auf eine einzige Richtung festlegen zu lassen. Punk ist weiterhin das Rückgrat, aber darum herum wächst alles Mögliche: Blues, Metal, Grunge, Ska, Jazz und psychedelische Elemente. Das könnte auf dem Papier nach einer ziemlich fragwürdigen Mischung aussehen.
Tut es aber nicht.
Der Grund dafür ist erstaunlich simpel: Die Band versucht nicht, all diese Einflüsse gleichzeitig in jeden einzelnen Song zu quetschen. Stattdessen bekommt jedes Stück seinen eigenen Charakter. Ein bisschen mehr Blues hier, ein unerwarteter Rhythmus dort, plötzlich eine fast poppige Melodie – und dann kommt wieder ein Riff um die Ecke, das ziemlich deutlich daran erinnert, dass wir hier immer noch bei einer Heavy-Rock-Band sind.
Schon The Greatest Sin macht das ziemlich gut vor. Der Song hat Wucht, aber eben nicht nur Wucht. Die Gitarren dürfen melodisch werden, der Rhythmus bleibt in Bewegung und über allem liegt diese leicht unberechenbare Energie, die BESVÄRJELSEN von vielen anderen Bands in diesem Umfeld unterscheidet.
Und dann ist da Lea Amling Alazam.
Ihre Stimme ist wahrscheinlich das wichtigste Element dieser Platte. Nicht, weil sie permanent versucht, die Songs mit großen Gesten an sich zu reißen. Im Gegenteil. Sie kann sehr direkt und fast beiläufig klingen und im nächsten Moment ordentlich Druck entwickeln. Dazu kommt, dass ihre Melodien nicht nach dem üblichen „Rock-Sängerin trifft Stoner-Riff“-Schema funktionieren.
Man hört bei ihr durchaus die Punk- und Grunge-Vergangenheit heraus, aber auch andere Einflüsse, die dem Gesang eine eigene Farbe geben.
Accelerating Hearts ist dafür ein gutes Beispiel. Der Song bleibt melodisch, ohne weich zu werden, und bekommt durch den zusätzlichen Gesang von Fred Burman noch eine weitere Facette. Überhaupt sind es häufig solche kleinen Verschiebungen, die dafür sorgen, dass das Album nicht nach dem dritten Song vorhersehbar wird.
BESVÄRJELSEN haben nämlich ein ziemlich gutes Gespür für Hooks.
Nicht diese künstlich auf Hochglanz polierten Refrains, die einem nach zwei Durchläufen schon auf die Nerven gehen. Eher Melodien, die sich irgendwo im Hinterkopf festsetzen und plötzlich wieder auftauchen, wenn man längst etwas anderes macht. Battles und Counting Flies gehören für mich zu den Stücken, bei denen das besonders gut funktioniert.
Gleichzeitig besitzt die Platte genug Ecken und Kanten, um nicht in Richtung „Heavy Rock für alle“ abzudriften.
Drifters On A Quiet Stream nimmt beispielsweise deutlich Tempo heraus und schafft Raum für eine andere Seite der Band. The Mountain wirkt anschließend wieder wesentlich erdiger und schwerer. Und mit Pulse wird es rhythmisch erneut interessanter.
Das Ganze hat dadurch beinahe etwas Unruhiges.
Nicht im Sinne von chaotisch. Eher so, als würde die Band ständig ein wenig die Richtung ändern, ohne dabei das Ziel aus den Augen zu verlieren. Genau das macht Till Glömskan Ad Oblivionem so angenehm schwer vorhersehbar.
Selbst Interlude wirkt hier nicht wie das obligatorische Zwischenspiel, das man eigentlich überspringen könnte. Es gehört zum Fluss des Albums und sorgt dafür, dass die zweite Hälfte nicht einfach wie eine Fortsetzung der ersten klingt.
Besonders schön ist, dass BESVÄRJELSEN trotz dieser stilistischen Offenheit nie vergessen, dass Songs auch Spaß machen dürfen. Didn’t Come To Party trägt den Titel nicht gerade unauffällig vor sich her und hat genau diese leicht freche Energie, die der Band gut steht. Danach wird es mit Black Wave wieder etwas schwerer und atmosphärischer. Das zusätzliche Orgelspiel von Pelle Andersson passt hier wunderbar hinein, ohne den Song in irgendeine Retro-Rock-Parodie zu verwandeln.
Und irgendwann landet man bei Oblivion.
Passender hätte man den letzten Song vermutlich kaum nennen können. Nach all den Richtungswechseln, Hooks und kleinen Überraschungen wirkt der Abschluss fast wie ein Zusammenziehen der verschiedenen Fäden. Nicht unbedingt als großes Finale mit Feuerwerk, sondern eher als Punkt am Ende einer ziemlich eigenwilligen Reise.
Überhaupt ist „eigenwillig“ wahrscheinlich das beste Wort für dieses Album.
BESVÄRJELSEN sind längst nicht mehr nur die Band mit den schweren Riffs aus dem schwedischen Wald. Dafür haben sie ihre musikalische Palette inzwischen zu weit geöffnet. Gleichzeitig sind sie auch keine Prog-Band geworden, die ihre Instrumente ausstellen muss. Und eine klassische Stoner-Rock-Band sind sie schon gar nicht.
Sie sind irgendwo dazwischen.
Und genau dort funktionieren sie am besten.
Nach Atlas war die Messlatte ohnehin nicht besonders niedrig. Till Glömskan Ad Oblivionem versucht aber gar nicht erst, den Vorgänger einfach zu übertreffen. Stattdessen wirkt das Album wie die logische Fortsetzung einer Band, die langsam herausgefunden hat, dass ihre größte Stärke gerade darin liegt, sich nicht allzu viele Grenzen zu setzen.
Das macht die Platte vielleicht nicht sofort zum Album des Jahres.
Aber sie macht sie zu einem Album, bei dem ich ziemlich sicher bin, dass ich auch in ein paar Monaten noch einzelne Songs wieder auflegen werde.
Und das ist am Ende doch wesentlich interessanter.
BESVÄRJELSEN haben ihren Wald gefunden. Und offenbar gibt es dort deutlich mehr zu entdecken als nur ein paar dicke Gitarren.
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