
SLEEP ohne Matt Pike? Warum Hempispheres mehr ist als nur ein neues Album
Es gibt Bands, bei denen jede personelle Veränderung zunächst einmal Misstrauen auslöst. Nicht, weil man den Neuzugängen nichts zutraut, sondern weil der bisherige Klang so eng mit bestimmten Musikern verbunden war, dass man ihn kaum davon lösen kann. Bei SLEEP ist das kaum anders. Über Jahrzehnte gehörte Matt Pike genauso selbstverständlich zum Bild dieser Band wie Al Cisneros‘ Bass oder die monumentale Langsamkeit ihrer Riffs. Als bekannt wurde, dass Hempispheres ohne Pike entstanden ist, war mein erster Gedanke deshalb nicht Vorfreude, sondern eine ziemlich einfache Frage: Kann das überhaupt noch SLEEP sein?
Mit genau dieser Haltung habe ich die beiden vorab veröffentlichten Stücke gehört. Ehrlich gesagt sogar ein wenig unfair. Ich habe nicht auf das geachtet, was tatsächlich aus den Lautsprechern kam, sondern ständig darauf gewartet, den fehlenden Gitarristen zu bemerken.
Das hat ungefähr einen Durchlauf gedauert.
Erst danach fiel mir auf, dass ich unbewusst aufgehört hatte, nach dem zu suchen, was fehlt. Stattdessen begann ich wahrzunehmen, was diese neue Besetzung eigentlich mitbringt.
Dass Dale Crover kein gewöhnlicher Ersatzmann ist, versteht sich von selbst. Sein Schlagzeugspiel trägt seit Jahrzehnten diese eigentümliche Mischung aus Präzision und Lässigkeit, die den Melvins immer wieder aus jeder Schublade herausgehoben hat. Genau dieses Gefühl schleicht sich nun auch bei SLEEP ein. Der Groove wirkt beweglicher, manchmal fast verspielter, ohne dass die Musik auch nur einen Moment ihre Schwere verliert. Es ist kein radikaler Stilbruch. Eher verschiebt sich der Schwerpunkt ganz leicht.
Noch spannender finde ich allerdings Bubba Dupree. Vermutlich wäre jeder Gitarrist gescheitert, der versucht hätte, Matt Pike einfach zu kopieren. Genau das passiert hier erfreulicherweise nicht. Dupree bringt seine eigene Handschrift mit. Die Gitarren erinnern stellenweise durchaus an den klassischen SLEEP-Sound, aber eben nie als bloße Kopie. Dadurch entsteht etwas Seltenes: Man hört vertraute Elemente, ohne ständig an die Vergangenheit erinnert zu werden.
Vielleicht liegt genau darin die größte Überraschung.
Denn je länger ich die beiden Stücke hörte, desto deutlicher wurde mir, dass SLEEP offenbar nie ausschließlich über Matt Pike definiert waren. Sein Einfluss auf die Band bleibt riesig und ist aus der Geschichte überhaupt nicht wegzudenken. Trotzdem scheint das eigentliche Zentrum der Musik an anderer Stelle zu liegen – in dieser besonderen Art, Zeit anders zu behandeln als fast jede andere Doom-Band.
SLEEP haben nie einfach nur langsam gespielt.
Sie lassen Zeit stehen.
Auch auf The Morrisist und Have Spacesuit Will Travel entsteht dieses Gefühl wieder. Die Riffs entwickeln sich nicht auf ein Ziel hin. Sie kreisen. Sie verändern minimale Details, wiederholen Figuren, verschieben Akzente und erzeugen dadurch einen Sog, der sich kaum erklären lässt. Wer nach klassischen Songstrukturen sucht, dürfte weiterhin seine Schwierigkeiten haben. Wer sich jedoch darauf einlässt, merkt irgendwann, dass hier weniger komponiert als vielmehr aufgebaut wird – Schicht für Schicht.
Interessant ist dabei auch, wie wenig die Stücke versuchen, sich als spektakuläres Comeback zu inszenieren. Kein übertriebener Härtebeweis. Kein hektisches Demonstrieren neuer Möglichkeiten. Stattdessen wirkt alles erstaunlich gelassen. Fast so, als hätte die Band überhaupt nicht das Bedürfnis, irgendjemandem etwas beweisen zu müssen.
Gerade diese Gelassenheit empfinde ich als Stärke.
Natürlich bleiben Fragen offen. Zwei Stücke erlauben noch keinen vollständigen Blick auf Hempispheres. Wie sich das Material über Albumlänge entwickelt, welche Dramaturgie dahintersteht oder wie sich die neuen Musiker über eine Stunde entfalten, lässt sich im Moment schlicht nicht beantworten.
Vielleicht ist das aber auch gar nicht entscheidend.
Nach mehreren Durchläufen ertappte ich mich jedenfalls dabei, dass ich längst aufgehört hatte, innerlich Vergleiche zu Holy Mountain oder The Sciences anzustellen. Das erschien plötzlich überraschend unwichtig. Viel spannender war die Erkenntnis, dass SLEEP offenbar einen Punkt erreicht haben, an dem ihre musikalische Identität größer geworden ist als die Summe einzelner Mitglieder.
Das gelingt nur sehr wenigen Bands.
Ob Hempispheres am Ende zu den ganz großen Veröffentlichungen der Band gehören wird, muss die Zeit zeigen. Solche Urteile entstehen ohnehin erst nach Monaten oder Jahren. Eines lässt sich nach diesen ersten Eindrücken aber bereits sagen: Wer erwartet hat, SLEEP würden ohne Matt Pike lediglich ihre eigene Vergangenheit verwalten, dürfte überrascht sein.
Nicht, weil plötzlich alles anders klingt.
Sondern weil erstaunlich viel von dem geblieben ist, was SLEEP seit jeher ausgemacht hat.
https://www.instagram.com/sleeptheband

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