Der ultimative Fuzz aus der Unterwelt

10,000 YEARS – Esox Lucifer (2026, Ripple Music) (Review)

Manchmal reicht ein Blick auf das Cover und den Albumtitel, um ungefähr zu ahnen, wohin die Reise geht. Esox Lucifer klingt jedenfalls nicht nach einer Platte, die sich lange mit Feinheiten aufhält. Also Play gedrückt – und tatsächlich dauert es keine Minute, bis klar ist, worauf 10.000 YEARS hinauswollen.

Riffs.

Nicht möglichst viele, sondern die Sorte, die sich festsetzt, ohne dass man hinterher noch genau weiß, welcher Song dafür eigentlich verantwortlich war.

Das ist mir tatsächlich erst später aufgefallen. Nach zwei Durchläufen hatte ich einige Gitarrenfiguren noch ziemlich deutlich im Kopf, musste aber kurz überlegen, aus welchem Stück sie überhaupt stammten. Das meine ich gar nicht negativ. Im Gegenteil. Die Platte funktioniert viel stärker als Gesamtpaket, als dass sie sich über einzelne Hits definiert.

Was mir dabei sofort gefallen hat: Die Schweden versuchen gar nicht erst, krampfhaft originell zu sein. Es gibt Bands, die unbedingt beweisen wollen, wie viele Einflüsse sie unter einen Hut bekommen. 10.000 YEARS machen das genaue Gegenteil. Sie wissen ziemlich genau, worin ihre Stärke liegt, und verschwenden keine Zeit damit, sich künstlich breiter aufzustellen.

Natürlich hört man hier und da High On Fire heraus, manchmal schimmert auch etwas Kylesa durch, an anderer Stelle fühlt man sich kurz an THE SWORD erinnert. Aber das sind eher lose Assoziationen als echte Vergleiche. Spätestens nach ein paar Songs entwickelt die Platte genügend Eigenleben, damit man aufhört, ständig nach Referenzen zu suchen.

Überhaupt wirkt Esox Lucifer erstaunlich geschlossen. Es gibt keine Nummer, die plötzlich komplett aus dem Rahmen fällt oder den Fluss unnötig unterbricht. Das macht das Album vielleicht weniger spektakulär, dafür aber umso angenehmer am Stück hörbar.

Genau das habe ich am Ende auch gemacht.

Eigentlich wollte ich zwischendurch nur noch einmal kurz in zwei Songs hineinhören. Stattdessen lief die Platte komplett durch. Nicht, weil ständig irgendetwas Unerwartetes passiert wäre, sondern weil sie einen ziemlich konstant bei der Stange hält. Das schaffen längst nicht alle Stoner- oder Sludge-Alben. Oft verliert sich das Material irgendwann in endlosen Wiederholungen. Hier hatte ich dieses Gefühl erstaunlicherweise nie.

Die Rhythmusgruppe trägt dazu einen ordentlichen Teil bei. Gerade das Schlagzeug macht vieles unspektakulär – und genau deshalb richtig. Keine Dauerbeschallung, keine sinnlosen Tempowechsel, sondern ein Groove, der den Songs Platz lässt. Auch der Bass bleibt jederzeit präsent, ohne ständig Aufmerksamkeit einzufordern.

Was ich ebenfalls mochte: Die Produktion versucht gar nicht erst, möglichst modern zu klingen. Heute wird im Heavy-Bereich oft alles bis zur Schmerzgrenze verdichtet. Hier darf Luft zwischen den Instrumenten bleiben. Dadurch wirken die schweren Passagen sogar noch druckvoller, weil sie eben nicht permanent auf Anschlag laufen.

Ein kleiner Gedanke kam mir allerdings doch zwischendurch. Manchmal hätte ich mir gewünscht, dass die Band ein Risiko mehr eingeht. Nicht unbedingt stilistisch, sondern innerhalb der Songs selbst. Es gibt Momente, in denen sich eine Passage so angenehm festgefressen hat, dass man fast erwartet, sie würde noch einmal in eine völlig andere Richtung abbiegen. Meistens bleibt 10.000 YEARS dann doch auf Kurs. Das funktioniert, keine Frage. Ein oder zwei kleine Überraschungen hätten dem Album aber vermutlich ebenfalls gutgestanden.

Andererseits passt genau diese Konsequenz vielleicht auch zur ganzen Platte. Sie will gar nicht permanent überraschen. Sie will Druck erzeugen. Und das gelingt ihr ziemlich überzeugend.

Die Science-Fiction- und Horror-Anspielungen gehören natürlich ebenfalls zum Gesamtbild, drängen sich aber erfreulicherweise nie in den Vordergrund. Selbst wenn man kein Wort auf die Texte gibt, funktionieren die Songs problemlos. Das gefällt mir deutlich besser, als wenn ein Konzeptalbum ständig darauf besteht, dass man auch ja jede einzelne Idee versteht.

Am Ende bleibt bei mir deshalb gar nicht ein bestimmter Song hängen, sondern eher dieses Gefühl, eine gute Dreiviertelstunde mit einer Band verbracht zu haben, die genau weiß, was sie kann – und sich nicht verbiegt, nur um möglichst viele Leute zufriedenzustellen.

Esox Lucifer wird vermutlich niemanden bekehren, der mit Stoner Metal grundsätzlich nichts anfangen kann. Muss es auch nicht. Wer allerdings genau diese Mischung aus schweren Riffs, trockenem Groove und leicht psychedelischer Schlagseite sucht, dürfte hier ziemlich schnell fündig werden.

Und manchmal ist genau das mehr wert als jede noch so große stilistische Revolution.

https://www.instagram.com/10.000yrs/

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