
Black Sabbath – Master of Reality (Klassiker-Review)

Wenn ich ehrlich bin, ist Master of Reality für mich das Album, bei dem Black Sabbath am meisten „Black Sabbath“ waren. Nicht das schnellste, nicht das kommerziellste, aber das roheste und ehrlichste. Ich hab es das erste Mal Ende der 90er gehört – auf einer alten Kassette, die ein Kumpel mir mitgebracht hat. Damals war ich total auf Thrash und Speed Metal fixiert, und plötzlich kam dieses Ding: langsam, schwer, fast wie in Zeitlupe. Hat mich erstmal genervt, weil nichts „passierte“. Aber nach ein paar Durchläufen war klar: Das ist was ganz anderes, und das ist verdammt gut.
Der Sound ist das Erste, was einen sofort packt. Tony Iommi hatte nach seinem Arbeitsunfall (er hat Teile von zwei Fingern verloren) Probleme mit normalem Tuning. Also hat er die Saiten runtergestimmt – erst auf C#, später noch tiefer. Das Ergebnis ist ein Ton, der vibriert, dröhnt und sich anfühlt wie ein Erdbeben, das langsam hochkommt. Die Riffs sind nicht schnell oder technisch verspielt – sie atmen, sie bauen Druck auf, sie lassen dir Zeit, den ganzen Low-End zu spüren. Geezer Butler spielt Bass wie ein Lead-Instrument, Bill Ward schlägt Drums mit einem fast jazzigen Swing, der dem Ganzen Groove gibt, ohne es zu beschleunigen. Und Ozzy? Seine Stimme ist heiser, verzweifelt, manchmal fast flehend – passt perfekt zu den Texten, die von Drogen, Krieg, Gott und dem Bösen handeln.
Produziert von Rodger Bain, klingt das Album roh und direkt. Kein Glanz, keine Effekte, die alles glätten. Es wurde größtenteils live eingespielt, in wenigen Tagen, und das merkt man – es hat diese Energie von vier Typen, die einfach spielen, was sie fühlen. Mit 34 Minuten ist es Sabbaths kürzestes Album bis dahin, aber es fühlt sich voll und dicht an. Fünf richtige Songs plus zwei kurze Interludes („Embryo“ und „Orchid“), die wie Atempausen wirken.
Sweet Leaf
Startet mit Iommis echtem Husten (er hatte gerade einen Joint geraucht). Dann kommt der Riff – einer der ikonischsten in der Rock-Geschichte. Das Lied ist ein offenes Liebeslied an Marihuana („Straight people don’t know what you’re about / They put you down and shut you out“), und es klingt ehrlich, nicht wie eine Pose. Der Refrain ist so catchy, dass er sofort hängen bleibt.
After Forever
Schneller als der Rest, fast groovig. Textlich geht’s um Religion und Heuchelei („Would you like to see the Pope on the end of a rope / Do you think he’s a fool?“). Es ist provokant, aber nicht plump – Sabbath fragen hier wirklich nach Glauben und Moral. Iommis Riff ist tight, Ozzys Gesang fast predigerhaft.
Embryo
Kurzes akustisches Interlude. Nur Gitarre, fast klassisch. Gibt dem Album Luft, bevor es wieder schwer wird. Zeigt, dass Sabbath nicht nur laut können.
Children of the Grave
Für mich der absolute Höhepunkt. Der Marsch-Rhythmus baut sich langsam auf, dann explodiert er. Text ist ein klares Anti-Kriegs-Statement („Revolution in their minds – the children start to march“). Das Outro wird immer chaotischer, fast wie ein Aufstand in Slow-Motion. Live (besonders in den 70er-Aufnahmen) wird das zu einem Monster.
Orchid
Noch ein kurzes Interlude. Iommi fingerpicking, fast folkig. Wieder eine Atempause, die den Kontrast zur Heaviness verstärkt.
Lord of This World
Purster Sludge. Das Riff ist so langsam und bedrohlich, dass es einen zerquetscht. Text über den Teufel als Herrscher der Welt („You’re searching for your answer / But you’re looking in the wrong place“). Düster, aber nicht billig-schockig.
Solitude
Die ruhige Ballade. Flöte (ja, Iommi spielt Flöte!), sanfte Gitarre, Ozzys Stimme weich und melancholisch. Es geht um Einsamkeit und Verlust – einer der emotionalsten Momente auf einem Sabbath-Album.
Into the Void
Der Closer. Kosmischer Text („Rocket engines burning fuel so fast / Up into the night sky they blast“), episches Riff, langes Jam-Outro mit Feedback. Fühlt sich an wie der Abflug in eine schwarze Leere – perfekter Abschluss.
Das Album ist der Übergang von Sabbaths frühem Erfolg (Black Sabbath und Paranoid waren noch relativ „schnell“ und hitlastig) zu etwas Reiferem, Dunklerem, Introspektiverem. Die Themen sind ernst: Drogen als Flucht (Sweet Leaf), Krieg als Wahnsinn (Children of the Grave), Gott als Frage (After Forever), das Böse als Realität (Lord of This World). Kein billiges Satan-Gequatsche – eher echte Ängste und Zweifel der frühen 70er.
Der Einfluss ist enorm. Ohne dieses Album gäb’s wahrscheinlich keinen richtigen Doom-Metal (Electric Wizard, Sleep, Saint Vitus), keinen klassischen Stoner (Kyuss, Fu Manchu, Monster Magnet) und vielleicht auch keinen Grunge in der Form. Es hat einfach den Weg geebnet für alles, was später „heavy und langsam“ hieß. Verkaufszahlen: Über 2 Millionen weltweit, Sabbaths erster US-Top-10-Erfolg (bis 13 2013). Remasters (besonders die 2009 Deluxe oder die SHM-SACD) klingen immer noch frisch und wuchtig.
Das ist das Album, das mich vom reinen Speed-Metal weggebracht und in den langsamen, schweren Kram gezogen hat. Wenn ich es aufdrehe (am liebsten auf Vinyl oder gutes Remaster), spür ich immer noch diesen Druck in der Brust – Aggression, Melancholie, Trance. Es ist nicht nur Musik, es ist wie eine Therapie-Session in Heavy-Form.
Falls du es noch nicht richtig kennst oder nur die Hits gehört hast: Nimm dir eine Stunde, mach die Lichter aus, leg es auf und lass es wirken. Es lohnt sich wirklich.
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