
Europe – Come This Madness (2026, Silver Lining Music | Hell & Back Recordings) (Review)

Neun Jahre zwischen zwei Studioalben. EUROPE haben sich mit Come This Madness jedenfalls nicht beeilt, und nach den ersten Minuten stellt sich die Frage nach der langen Pause auch gar nicht mehr. „One On One“ beginnt mit einem orchestralen Auftakt, dann setzt der Bass ein und die Nummer bekommt ordentlich Schub. Joey Tempest klingt hervorragend, John Norum lässt die Gitarre singen, und die Rhythmussektion macht mächtig Druck. So darf ein neues EUROPE-Album anfangen.
„The Cult Of Ignorance“ legt gleich nach. Die Synthies und Gitarren greifen ineinander, die Strophen haben etwas angenehm Eigenwilliges, während der Refrain sofort hängen bleibt. Ein bisschen Eighties-Schimmer darf sein. EUROPE müssen sich schließlich nicht dafür entschuldigen, dass sie verdammt gute Melodien schreiben können.
Der Titeltrack zieht die Sache stärker in Richtung Siebziger. Das Riff hat ordentlich Gewicht, die Orgel schiebt mit, und plötzlich denkt man eher an DEEP PURPLE als an die großen Stadionhits der Band. Genau diese Seite gefällt mir an EUROPE seit Jahren: Sie können ihren Hard Rock dreckiger und bluesiger machen, ohne dabei ihre melodische Handschrift zu verlieren.
„This Time Of Year“ nimmt anschließend deutlich Tempo heraus. Piano, Gesang, eine fast zerbrechliche Stimmung. Tempest muss hier nicht gegen eine Wand aus Gitarren ansingen, und das tut dem Song gut. Der Refrain wächst nach und nach, ohne dass daraus eine dieser überladenen Rockballaden wird, bei denen spätestens im letzten Durchgang sämtliche Regler auf Anschlag stehen müssen.
Danach wird *Come This Madness* wieder kräftiger. „In A Different World“ arbeitet mit einem schweren, vorwärtsdrängenden Riff, während „Scandinavian Eyes“ zunächst mit einer ausgedehnten, beinahe orchestralen Einleitung überrascht. Wenn die Band schließlich einsetzt, geht es deutlich in Richtung klassischer Siebziger-Hard-Rock. Orgel, Gitarre, Bass und Schlagzeug greifen ordentlich ineinander. Norum bekommt genügend Platz, ohne aus jedem Solo eine Demonstration seiner Fähigkeiten machen zu müssen.
Bei „Takin’ It Back“ ist dann wieder weniger Nachdenken angesagt. Der Song hat Zug, Tempest legt sich richtig ins Zeug und der Refrain schreit geradezu nach einer Bühne. Einer der Momente, bei denen man sich fragt, warum EUROPE nicht längst wieder regelmäßig mit neuem Material auf den Setlists auftauchen.
Die zweite Albumhälfte ist etwas wechselhafter. „In The Absence Of Grace“ dauert kaum anderthalb Minuten und wirkt eher wie ein düsterer Einschub als ein eigenständiger Song. „The Angels Must Have Flown“ bringt danach wieder die großen Keyboardflächen und einen markanten Rhythmus ins Spiel. Bei „The Devil’s Back“ geht es schwerer und direkter zur Sache. Das Riff sitzt, der Bass drückt, Tempest bleibt in den Strophen vergleichsweise tief, bevor der Refrain aufmacht.
Der Schlusspunkt „Nothing Can Follow This“ fällt wieder größer aus. Streicherartige Keyboardklänge, Bewegung in der Rhythmik, ein ausgedehntes Gitarrensolo. Hier darf Norum noch einmal richtig weit ausholen. Nicht jede Wendung ist zwingend nötig, aber die Band nimmt sich die Freiheit, den Song auszudehnen und nicht alles auf einen möglichst schnellen Höhepunkt auszurichten.
Produzent Tom Dalgety und Mixer Mike Fraser haben dem Album einen kräftigen, klar konturierten Sound verpasst. Die Instrumente bekommen Platz, ohne dass die Platte steril wirkt. Auch die Gastbeiträge von Tobias Forge und Mikael Åkerfeldt fügen sich ein, statt den eigentlichen Bandkern zu überdecken. Im Mittelpunkt steht weiterhin Tempest, dessen Stimme längst nicht nur von früheren Erfolgen lebt.
Come This Madness ist kein Versuch, die Vergangenheit noch einmal aufleben zu lassen. Dafür klingt das Album zu sehr nach einer Band, die ihre Siebziger-Einflüsse inzwischen ebenso selbstverständlich verarbeitet wie ihre melodische Eighties-Seite. Ein paar Stücke bleiben stärker hängen als andere, und gerade hinten verliert die Platte stellenweise etwas von ihrem anfänglichen Schwung.
EUROPE haben aber immer noch ein ausgezeichnetes Gespür für Songs, die schwer rocken und trotzdem eine Melodie behalten, die man später noch im Kopf hat. Und nein, dafür müssen sie nicht noch einmal The Final Countdown schreiben.
Ein Kommentar zu „Europe – Come This Madness (2026, Silver Lining Music | Hell & Back Recordings) (Review)“
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Eine wirklich gestandene Produktion. Würde Tempest noch seine jugendliche Stimme aufbringen können, dann wäre das hier in der Tat eine souveräne Demonstration der 80er Jahre. Wow! Grossartig
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