Der ultimative Fuzz aus der Unterwelt

Paranoid Reverb – Red River Black Roots (2026, Octopus Rising) (Review)

Griechenland und Stoner Rock, das ist inzwischen fast schon eine eigene Gleichung. Paranoid Reverb aus Thessaloniki müssen sich also nicht nur gegen den Rest Europas behaupten, sondern auch gegen die ziemlich hohe Messlatte, die ihre eigene Heimat in diesem Bereich gesetzt hat. Mit Red River Black Roots gehen sie allerdings nicht den Weg des möglichst offensichtlichen Wüstenrocks. Das zweite Album ist schwer, dunkel und psychedelisch, aber vor allem lebt es von Bewegung.

Schon „Acantha“ braucht über sechs Minuten, um seine Richtung klarzumachen. Der Song beginnt nicht mit dem erstbesten Riff, das sich für einen Stoner-Track eignen würde, sondern baut seine Spannung langsam auf. Gitarren und Rhythmusgruppe arbeiten sich durch verschiedene Tempi und Passagen, während der Gesang eher rau und kantig darüberliegt. Das Stück kann breit werden, ohne seine Schwere zu verlieren. Ein ziemlich guter Einstieg in ein Album, das sich nicht besonders für Schnellschüsse interessiert.

Mit „0315“ wird es kompakter. Der Song drückt stärker nach vorne, die Riffs sitzen enger und die Rhythmusarbeit bekommt mehr Gewicht. Gerade hier fällt auf, wie wichtig der Bass für Paranoid Reverb ist. Er liegt nicht irgendwo unter den Gitarren versteckt, sondern gibt den Stücken ordentlich Schub. Dazu kommen zwei Gitarren, die nicht einfach permanent dieselbe Wand aufbauen.

„Da Capo“ nimmt danach wieder Tempo heraus. Die ersten Minuten sind zurückhaltender, fast schwebend, bevor die Band allmählich wieder mehr Druck entwickelt. Solche Wechsel gehören zu den interessantesten Momenten der Platte. Paranoid Reverb können einen Song laufen lassen, ohne ihn sofort mit dem nächsten großen Riff zuzuschütten.

Das funktioniert allerdings nicht immer gleich gut. Red River Black Roots hat seine längeren Passagen und wiederkehrenden Muster, und gelegentlich merkt man, dass die Band ihre Atmosphäre etwas länger auskostet, als es für den Song unbedingt nötig wäre. Das ist bei Heavy Psych keine Überraschung, kann aber trotzdem den Unterschied zwischen einem guten und einem wirklich packenden Stück ausmachen.

Der Titeltrack „Red River“ gehört zu den direkteren Nummern. Hier greifen die schweren Gitarren und der treibende Rhythmus schneller ineinander, während der Gesang dem Stück eine gewisse Rauheit gibt. Kein überproduziertes Monster, sondern eher eine Nummer, die man sich gut auf einer Bühne vorstellen kann. Überhaupt wirkt vieles auf dem Album so, als würde es erst bei entsprechender Lautstärke seine volle Wirkung entfalten.

„Come Undone“ schlägt wieder die andere Richtung ein. Mehr Raum, mehr Atmosphäre, weniger unmittelbarer Druck. Genau diese Gegensätze halten das Album zusammen. Paranoid Reverb wollen nicht siebenmal denselben schweren Song spielen, sondern arbeiten mit unterschiedlichen Dichten. Mal steht der Groove vorne, mal die Gitarre, mal die Atmosphäre.

Zum Schluss kommt „QuickSand“, mit über sieben Minuten der längste Track des Albums. Auch hier geht es nicht darum, möglichst viele Ideen unterzubringen. Der Song entwickelt sich langsam und bleibt dabei angenehm kontrolliert. Die Band weiß offenbar, dass ein langer Track nicht automatisch interessanter wird, nur weil er länger ist. Ganz ohne kleine Längen kommt aber auch „QuickSand“ nicht aus.

Musikalisch bleiben Paranoid Reverb dabei klar im Heavy-Psych- und Stoner-Rock verankert. Das Rad wird hier nicht neu erfunden, und manche Riffs könnten problemlos aus dem großen Genre-Baukasten stammen. Dafür stimmt die Balance. Die Platte klingt nicht wie eine Ansammlung von Einflüssen, sondern wie eine Band, die ihre verschiedenen Vorlieben inzwischen einigermaßen unter Kontrolle hat.

Interessant ist auch der neue Sänger Manos Gotsis. Sein rauer, leicht angekratzter Gesang passt deutlich besser zum schweren Material, als eine allzu glatte Stimme es wahrscheinlich getan hätte. Gerade weil die Instrumentalparts teilweise ziemlich dicht werden, braucht es vorne jemanden, der nicht versucht, alles schönzusingen.

Red River Black Roots ist damit kein Album, das den griechischen Stoner-Rock neu definiert. Das wäre auch eine ziemlich unnötige Messlatte. Paranoid Reverb haben etwas anderes geschafft: Sie nehmen bekannte Zutaten und geben ihnen genug Bewegung und Eigengewicht, dass daraus mehr entsteht als der nächste Fuzz-Ritt durch die Wüste.

Nicht jeder lange Abschnitt funktioniert gleich zwingend, und an manchen Stellen hätte etwas mehr Mut zur Kürzung gutgetan. Aber die besseren Momente sitzen. Vor allem dann, wenn die Band zwischen Druck und Zurückhaltung wechselt und nicht versucht, jede freie Stelle mit Gitarren zu füllen.

Ein solides, schweres und erfreulich organisches Album aus Thessaloniki. Kein Genre-Meilenstein, aber definitiv eine Platte, die man im Auge behalten sollte.

https://www.instagram.com/paranoid_reverb

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